Tischmanieren

Gestern waren wir beim Italiener. Es ist November, also ein Monat mit R und folglich gibt es Muscheln. Wir überlegten kurz, entschieden uns dann aber doch für Mafiatorte.
Mein Göttergatte saß mir gegenüber und fing plötzlich zu grinsen an. Das war kein freundliches Lächeln. Es war ein ziemlich hämisches Grinsen, seine Augen funkelten belustigt und sein Mund zuckte. Dann plusterte er die Backen Wangen auf und stand praktisch kurz vorm Platzen. Ich hatte keine Ahnung, was ihn so amüsierte und hoffte nur, dass ich es nicht sei.
Als er sich ein wenig beruhigt hatte, sagte er:  „Das musst du gesehen haben! Hinter Dir ißt jemand Muscheln mit Messer und Gabel!“ „Häää???“  Nun konnte ich mich ja schlecht rumdrehen, um das Schauspiel zu beobachten, aber für so was hat frau ja immer einen kleinen Taschenspiegel dabei.

Ich kramte in meiner Handtasche, förderte Spiegel und Lippenstift zu Tage und begann – ganz unfein – mir am Tisch die Lippen nachzuziehen. Das kann ich normalerweise prima ohne Spiegel, aber die Lippen waren ja auch nicht der Grund für meine Aktivitäten. Es dauerte etwas, bis ich die richtige Richtung gepeilt hatte, aber das hat sich gelohnt!

Am Tisch saß eine Gruppe Leute mittleren Alters, ganz normal gekleidet. In ihrer Mitte jedoch saß ein ziemlicher Exot: ein junger Mann im Yuppie-Outfit, mit gegelten Haaren und Angeber-Armbanduhr und machte auf vornehm.   Vermutlich hat er eine Benimmschule besucht, um den Umgang mit Messer und Gabel zu lernen. Es war ein Bild für die Götter! 
Er sortierte sich die in der Soße schwimmenden Muscheln einzeln auf den eigentlich für die Schalen bestimmten Teller und sezierte sie dann. Ich konnte mich kaum satt sehen (und er ist vermutlich nicht satt geworden. Mit der Methode ißt man sich hungrig!) Ich weiß nicht, wie lange ich gebannt in den Spiegel geschaut habe, jedenfalls stupste mich mein Gatte irgendwann unterm Tisch an.

Um uns herum waren die Gespräche verstummt. Alles starrte mehr oder weniger amüsiert in Richtung des jungen Gourmets. Ich ließ mein Spiegelchen etwas kreisen und konnte beobachten, dass sich die Kellner pretty-woman-mäßig um den Tisch postiert hatten, um eventuell entflutschende Muscheln unauffällig aufzufangen.
Den jungen Mann focht das alles nicht an. Unbeirrt klemmte er die eine Hälfte der schwarzen Muschelschale zwischen zwei Zinken seiner Gabel um dann unter Zuhilfenahme des Messers die andere Hälfte etwas aufzubiegen. Dann spießte er mit der Gabel ins Muschelfleisch und versuchte mit dem Messer das Fleisch aus der Schale zu lösen. Das alles hört sich zwar einfach und ziemlich professionell an, in der Praxis sah es jedoch zum Schießen aus, weil die Muschel auf dem glatten Teller rotierte und es immer ziemlich lange dauerte, bis er sie in einer stabilen und kampfunfähigen Position hatte.

Ich sag’s Euch, nichts gegen gutes Benehmen und anständige Tischmanieren – aber man kann’s auch übertreiben! Immerhin befanden wir uns in einer stinknormalen Pizzeria und nicht im Sterne-Restaurant.

Ich hab‘ keine Ahnung, wie lange er an seinen Muscheln noch rumgepittellt hat. Wir aßen unsere Pizza und gingen höchst angeheitert nach Hause. Der Wirt verabschiedete uns mit einem Augenzwinkern und wir zwinkerten zurück – wohl wissend, dass wir nie wieder würden Muscheln essen können, ohne an diesen Abend zu denken.

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