Vilma

ist der Name „unseres“ Hausmädchens. Sie ist unheimlich fleißig und sehr nett. Und sie ist eine begnadete Köchin. 😀
Wir beide sind morgens meistens die Ersten. Sie kommt von zu Hause und stürzt sich in die Arbeit, ich schäle mich schläfrig aus dem Bett und schlurfe zur Kaffeemaschine, wo meist schon ein unheimlich starkes Gebräu auf mich wartet. Nix für Herzkranke, aber gut geeignet, den Kreislauf auf Trab zu bringen. 😉

Die halbe Stunde, die wir morgens unter uns sind, wäre gut für einen kleinen Plausch und ich könnte meine Sprachkenntnisse ein bisschen flott machen. Wenn, ja wenn ich Vilma denn verstehen könnte. 😦 Ich habe keine Ahnung, welche Sprache sie eigentlich spricht. So richtig nach portugiesisch hört sich das nämlich nicht an.
Obwohl, unsere Gastgeber können mit ihr kommunizieren. :??: :??:
Ich kriege immer nur ein paar einzelne Worte mit. Es muss sich bei ihrer Sprache um irgendeinen ganz wilden Slang handeln, der irgendwo im Umland gesprochen wird. 88|

Schade, ich würde ihr gerne ein paar Rezepte entlocken oder mal übers Wetter plaudern. So bedient sie sich der Zeichensprache und wirft mir einzelne halbwegs verständliche Worte hin. Das funktioniert auch und wir können dabei auch lachen, was ja bekanntlich verbindet.
Vielleicht gelingt es mir ja im Laufe der Zeit, sie zu verstehen. Ich werde es jedenfalls weiter probieren. Da bin ich stur! :-/

So, langsam kommt Leben in Bude und auch unsere Gastgeber erscheinen auf der Bildfläche. Ich werde mal den Göttergatten seinen süßen Träumen entreißen und an den Frühstückstisch treiben. Da duften nämlich herrlich frische Brötchen.
Habt einen schönen Tag. Hier ist der Himmel postkartenblau und die Sonne strahlt. Ich würde Euch gerne ein bisschen davon über den großen Teich schicken! :yes:

Essen per Kilo

Eine wirklich tolle Sache hier in Brasilien sind die Lokale, in denen man nach Gewicht essen kann. Keine Angst, es wird nicht das Ein- und Ausgangsgewicht der betreffenden Person genommen und die Differenz berechnet (was ja vielleicht auch ganz lustig wäre). :))
Nein, es handelt sich hier um ein riesiges Buffet mit täglich wechselnden Gerichten, an dessen Anfang man sich ein Tablett und einen (oder mehrere) Teller schnappt und sich auflädt, was man mag. Verschiedene frische Salate, Eier, dicke Mayo-Salate, Gemüse aller Art, Nudeln, Reis, die unvermeidlichen Bohnen, Fleisch oder Fisch.
Am Ende des Buffets wartet noch ein Mensch mit Kochmütze, der auf Wunsch noch verschiedene Fleischsorten frisch brutzelt. Wenn man alles hat, was man möchte, stellt man seinen Teller auf eine Waage. Hier kriegt man einen Bon, auf dem dann auch die Getränke und evtl. Nachspeisen notiert sind. Man sucht sich einen freien Tisch und genießt das meist wirklich gute Essen. Wir sind hier noch nie reingefallen und jeder findet, was er mag und muss nicht mehr nehmen, als er essen möchte – obwohl die Verführung natürlich schon da ist. 🙄

Diese Art der Restaurants sind hier sehr beliebt und ganze Familien pilgern auch am Sonntag hierher um nicht selbst kochen zu müssen. Unter der Woche werden die Lokale meist von Alleinstehenden oder Berufstätigen während der Mittagspause besucht.
Hier gibt es auch fast rund um die Uhr etwas zu Essen. Morgens gibt es Frühstück, mittags das beschriebene Buffet und ab nachmittags diverse Kuchen sowie kleine Gerichte und Suppen. Das alles bis in den späten Abend hinein. Eine tolle und zudem – auch für weniger Betuchte – erschwingliche Sache! :yes:

Wenn man mit dem Essen fertig ist, kann man sich noch einen kleinen Kaffee nehmen und mit dem Bon zur Kasse marschieren. In der Zwischenzeit räumt ein guter Geist den Tisch ab und macht Ordnung für die nächsten hungrigen Mäuler.

Schade, dass es das bei uns nur gelegentlich mal an der Salattheke gibt. Ansonsten kriegt man von einer meist muffeligen Bedienung einen Teller voll gehauen, von dem man normalerweise drei Mal essen könnte und bezahlt auch das mit, was man zurückgehen lässt und im Müll landet. Ich kann mir vorstellen, dass diese Art der Fresstempel auch in Deutschland eine gute Alternative zu Mc Doof & Co. wäre. :yes:

Knofi

Heute ist Grillen angesagt und ein kleiner Teil der Familie sowie eine Freundin haben ihr Kommen angekündigt. Wir werden insgesamt 11 Leute sein, also eher bescheiden im Gegensatz zur großen Familienfeier letzte Woche.
Schon seit Stunden wabert eine Knoblauchwolke durchs Haus – wie eigentlich immer, wenn es hier um Essen geht. 88| Ich habe keine Ahnung, was da wieder produziert wird. Es soll eine Überraschung sein und ich habe Küchenverbot. Mit Müh’ und Not durfte ich helfen, die Teller und Bestecke in den Garten zu tragen.
Nun sitze ich also vorm PC und hab’ schon einen ganz trockenen Hals vom Knofelduft.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass bereits der Genuss einer Knoblauchzehe den Urin für 24 Stunden völlig keimfrei werden lässt. Ich habe keine Ahnung, für was man keimfreien Urin braucht, bin aber völlig sicher, dass bei mir die nächsten Monate keinerlei Keime mehr zu finden sein werden. 😳

Gibt es eigentlich Entzugserscheinungen, wenn einem plötzlich die Zehen ausgehen? Kann sich der Körper so an das Zeug gewöhnen, dass man nicht mehr riecht, wie ein alter Kameltreiber? Oder hau’n sich hier alle so viel Knoblauch rein, dass es niemandem mehr auffällt? Ich habe jedenfalls noch nicht bemerkt, dass jemand entsetzt zurückgewichen ist, als wir kamen.
Wenn ich ganz ehrlich bin, wär’ es mir auch ziemlich egal gewesen. Das Essen hier ist einfach zu lecker, als dass ich auf andere Leute Rücksicht nehmen könnte. In vier Wochen bin ich ja wieder weg und dann können sie aufatmen (aber hoffentlich nur wegen meiner Dunstglocke). 😉

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende u. wenn Ihr irgendwo zum Grillen eingeladen seid, genießt es und haut auch bei der Knobi-Soße richtig rein. Ist schließlich mördergesund, das Zeug. :yes:

Stolpersteine

Die hiesigen Bürgersteige sind eine Sache für sich und wer schon mal in Südeuropa unterwegs war, hat vielleicht eine vage Ahnung, wie gefährlich man hier als Fußgänger lebt. Das ist nämlich noch eine ganze Ecke schärfer. 8| Die Bordsteinkante ist mitunter bis zu 35 cm hoch und damit nichts für kurzbeinige Gesellen. Gelegentlich hören sie auch abrupt auf oder enden irgendwo mitten in der Fahrbahn. Jeder, der ein Haus baut oder irgendwie Baustoff übrig hat, kippt das Zeug auf die Straße und am Ende nennt man das Gehweg. 🙄

In der Haupteinkaufsgegend hier in „unserer“ Stadt hat man nun begonnen, die so erzeugten Bürgersteige mit keramischen Platten etwas netter zu gestalten. :DD Da wir schon einige Zeit in der Stadt unterwegs und ziemlich durstig waren, setzten wir uns in eine Straßenkneipe direkt neben eine solche Baustelle und bestellten Bier. Das Schauspiel, das sich uns bot, war absolut sehenswert! :)) Selten habe ich so wenig Motivation auf einem Haufen gesehen. Jede Menge Bauarbeiter schlurften umher, rauchten, beratschlagten, hoben einen Hammer auf, legten ihn wieder nieder, quatschten mit Passanten oder dem gelangweilt in der Tür lehnenden Kellner. Einer der Männer war damit befasst, die Baustelle zu sichern. Das erfolgte mittels einiger Holzplanken, die an Bäume und Bierkisten gelehnt wurden und die die Bürger davon abhalten sollten, auf frisch verlegten Platten rumzulatschen. Genutzt hat das natürlich gar nichts und wir beobachteten belustigt, wie sich ganze Heerscharen durch einen schmalen Spalt zwischen Baum und Absperrung zwängten und sich unter ihrem Gewicht der weiche Untergrund immer lustig durch die Fugen drückte. :##

Irgendwann begann einer der Arbeiter, in einem längs halbierten, alten Ölfass oder ähnlichem, neuen Mörtel anzurühren. Dann verschwand er erst mal wieder. Nach geraumer Zeit kehrte er zurück, zündete eine Zigarette an und begann – die Kippe lässig im Mundwinkel – ein paar der Platten in eine passende Form zu bringen um diese dann tatsächlich mittels der inzwischen etwas angetrockneten schwarzen Pampe auf den Boden zu pappen. :.
Dass er hierzu keine Wasserwaage bemühte, konnte ich verstehen. Bei dem in alle Richtungen schiefen Untergrund hätte ich auch nicht gewusst, wo ich das Ding hätte hinlegen sollen. Ein Richtscheit haben wir auf der Baustelle liegen sehen; benutzt wurde auch das nicht. Wozu auch die Platten exakt ausrichten, wenn die Fußgänger sowieso alles wieder zertrampeln? ;D

Nach dem zweiten Bier mussten wir gehen; ich hätte sonst die Krise gekriegt!
Sicherheitshalber werden wir weiter nur gesenkten Hauptes durch die Stadt marschieren und genau darauf achten, wo wir hintreten – noch weiß ich nämlich nicht, wie man in Brasilien mit gebrochenem Hax’n in eine Klinik kommt und was dann dort genau passiert. |-|
Das muss ich auch nicht unbedingt haben.

Wintersonne

Nachdem es nun drei Tage lang ziemlich viel geregnet hat – was hier im Winter eine absolute Ausnahme ist – scheint seit heute wieder die Sonne und wärmt nicht nur unser Gemüt. Die Nächte sind auch nicht mehr ganz so kalt, wie noch vor einer Woche.

Meine Erkältung ist in Phase 2 eingetreten und das, was bisher unkontrolliert aus der Nase tropfte, ist jetzt mehr „am Stück“. :-/
Meine Nase ist ein einziger roter Zinken, der durch das ständige Eincremen mit fetter Babycreme auch noch allerliebst glänzt. Auch wenn wir hier nicht auf Anhieb als Ausländer auffallen, mit diesem Ding im Gesicht errege ich Aufsehen. :)) Aber das ist nun mal nicht zu ändern und wird irgendwann auch wieder vorbei sein. Hauptsache ich kriege wieder etwas Luft.

Durch die Lappen gegangen ist mir wegen meiner Unpässlichkeit die Einladung eines hiesigen Autohauses. Die Kunden, die im vergangenen Jahr dort ein neues Fahrzeug erstanden haben, waren zu einem Suppen-Abend eingeladen. Unsere Gastgeber gehörten dazu und durften auch ihren Besuch mitbringen. Alles, was hier im Ort Rang und Namen hat, war vertreten. Auf diese Weise lernte mein Göttergatte u.a. den Redakteur des hiesigen Stadtanzeigers nebst Gattin kennen und natürlich den Chef des Autohauses. Man weiß ja nie, wie man diese Leute mal braucht. ;D Es wurden verschiedene Suppen und Snacks serviert und ein sehr guter Rotwein gereicht, dem meine drei Helden wohl auch munter zugesprochen haben. Sie kamen leicht angesäuselt zurück, während ich gerade meine bittere Medizin schlürfte.

Auch die Einladung zum Geburtstagskaffee musste ich sausen lassen. Fünfzehn wild durcheinander schnatternde Brasilianerinnen konnte ich mir in meinem Zustand noch nicht antun. Das wäre entschieden zuviel gewesen!

Dafür gab es am Abend noch kleine Köstlichkeiten und die Reste der Geburtstagstorte wollten auch noch verspeist werden. Ach ja, und zwei Tässchen von dem leckeren Sekt habe ich mir auch rein getan. Hat vermutlich zu meiner spontanen Genesung beigetragen. :yes: Jedenfalls fühlte ich mich danach recht beschwingt und bin ohne weitere Medikamente ins Bett.

Virus

Ich weiß ja schon länger, dass ich vom brasilianischen Virus befallen bin. Die Krankheit allerdings, die ich mir jetzt eingefangen habe, gefällt mir ja gar nicht. Die Brasilianer behaupten zwar, die könne nicht von hier sein, die hätte ich aus Europa mitgebracht, aber das ist natürlich Käse. So eine bescheuerte Erkältung, Grippe, oder was immer das ist, hatte ich ja schon lange nicht mehr! :no:

Heute Morgen ging es mir recht gut und wir beschlossen, uns alleine (ohne Dolmetscher) auf den Weg zu machen und Schuhe zu kaufen. Wir fanden ein großes Schuhgeschäft und konnten den zahlreichen Verkäuferinnen auch klar machen, welche Art Schuhe es sein sollten und was vermutlich die richtige Größe sein würde. Flugs rannten fünf Verkäuferinnen ins Lager und kamen nach geraumer Zeit mit Bergen von Kartons zurück. Übrig blieb ein Paar, das hervorragend gepasst hat und da mein Liebster immer nur eine Sorte Schuhe trägt und das ausgesuchte Paar zudem noch günstig war, beschlossen wir, gleich zwei Paar derselben Sorte zu kaufen.
Auweja, das mach’ mal jemandem klar! :))
Wir wurden ziemlich ungläubig angeschaut und selbst der eilig herbeigerufene Chef des Hauses mochte es nicht recht glauben und brachte das Paar noch einmal in einer anderen Farbe. Nein, das wollten wir nicht! Dieses eine Paar in schwarz und das gleiche noch einmal, auch in schwarz. Eher widerwillig und immer noch ungläubig brachten sie uns das gewünschte und staunten nicht schlecht, als wir damit stolz zur Kasse zogen.
Für mich fielen auch noch ein paar Sandalen ab (hier ist es Winter; alle anderen Leute probierten Stiefel an! :DD ) und obendrein haben wir noch sechs Paar Sportsocken gekauft, was wiederum die Kassiererin ins Schwitzen brachte.
Zum guten Schluss bekamen wir noch einen Schuhlöffel geschenkt und nach uns haben sie vermutlich den Laden dicht gemacht. Wegen Reichtum geschlossen, oder so. 😉
Danach haben wir uns frisch gepressten Orangensaft gegönnt und unseren Erfolg begossen.
Auf dem Heimweg fanden wir noch ein sehr schönes Geschenk für unsere Gastgeberin, die morgen Geburtstag hat und bekamen das Ding auch wirklich als Geschenk verpackt. Klasse! Der wöchentliche Besuch der Volkshochschule scheint doch was gebracht zu haben.

Dann gab es Mittagessen und seit dem geht es mir richtig dreckig, was sicher nicht am Essen liegt. Irgendwie ist mir diese blöde Krankheit auf die Augen geschlagen. Die sind rot und zu schmalen Sehschlitzen verquollen, aus denen ich kaum noch gucken kann. Sie tränen ohne Unterlass. Aus Augen und Nase tropft es um die Wette. 😥 (Übrigens haben wir heute wieder von diesen wunderbaren Taschentüchern gekauft Die ersten 200 Stück habe ich schon verbraucht.)
Außerdem kündigt sich gerade die nächste Niesattacke an und danach werde ich mich endgültig ins Bett hauen.
Macht es gut und hütet Euch vor fremdländischen Bazillen! :wave:

Estou doente com gripe

Das hat mir ja gerade noch gefehlt. Eine dicke Erkältung hat mich seit vorgestern Abend fest im Griff. Der Kopf dröhnt, die Nase läuft, die Augen tränen und der Hals tut auch weh. Die ersten Nächte in Brasilien waren schweinekalt und ich habe trotz mehrerer Decken im Bett ziemlich gefroren. 😐
Außer Aspirin und Nasenspray habe ich gegen Schnupfen nichts dabei. Also sind wir gestern erst einmal los und haben größere Mengen Papiertaschentücher gekauft und über meine bisherigen Erfahrungen mit der hiesigen Papierindustrie muss ich Euch berichten:

Fangen wir bei den Taschentüchern an: Die sind 1-lagig – also weit davon entfernt, so etwas wie „durchschnupfsicher“ zu sein – und sie sind rau. Nix mit Aloe Vera oder Glyzerin und schon gar nix für Weicheier! 88|
Man hat ein Fitzelchen Papier in der Hand, das beim Anblick einer tropfenden Nase sofort zerbröselt. Die handelsüblichen Kosmetiktücher bei uns sind um ein Vielfaches stabiler. Ich habe also gleich mal die dreifache Menge dieser Schrottdinger gekauft und begonnen, mir einen Vorrat an 3-lagigen Taschentüchern zu falten. 🙄 Wenn die Nase läuft, muss es ja schnell gehen.

Übrigens haben wir hier ganz ähnlich gelagerte Probleme mit dem Klopapier. Auch das ist sehr dünn und sehr hart. Hier erspare ich Euch die Einzelheiten.:))
Ich hab’ keine Ahnung, warum noch kein brasilianischer Papierwarenhersteller darauf gekommen ist, dass man Nase und Hintern auch mal was Gutes tun kann.

Meine Nasenflügel jedenfalls sind inzwischen blutig vom vielen Putzen. Bisher habe ich nur eine wage Ahnung, wie die Brasilianer eine Erkältung händeln. Gestern Abend hat mir unser Freund eine Medizin gekocht „die garantiert hilft“: Eine Mixtur aus viel Zucker, viel Ingwer und noch mehr Zuckerrohrschnaps. Zwei große Töpfe von dem Zeug sollte ich trinken (hat gar nicht so schlecht geschmeckt, soweit ich das ohne Geruchs- und Geschmackssinn beurteilen kann).
Anschließend musste ich sofort ins Bett.
Krank war ich nach dem Zeug immer noch, aber es hat mich nicht mehr sonderlich gestört. 😳
Dieses Elixier hat mir immerhin ein paar Stunden Tiefschlaf beschert. ;D

Familienfeier

Wenn die Verwandtschaft groß ist, die einzelnen Familien aber weit auseinander wohnen, bietet sich ein alljährliches Treffen in einer zentralen Ecke des Landes an. Wir haben Glück und befinden uns in eben dieser Ecke und so erleben wir unser erstes brasilianisches Familienfest.
Ca. 50 Leute trafen sich gestern auf der ehemaligen Farm des Großvaters, die heute nur noch als Wochenenddomizil genutzt wird. Das Gelände ist riesig und immer sind ein paar Leute unterwegs, um die Lieblingsplätze ihrer Kindheit wiederzufinden und evtl. neue zu entdecken.

Wir stoßen auf eine Mixtur der unterschiedlichsten Leute: Alte, Junge, Kleinkinder, seriöse Akademiker und schräge Vögel, Lebenskünstler und Feingeister. Einige haben sich ordentlich aufgebrezelt und gestylt, andere sitzen im ollen T-Shirt und Jeans herum. Keinen interessiert, was der andere an hat; jeder ist willkommen, so wie er ist.
Eine junge Frau macht auf uns den Eindruck, als würde sie in einer Bar (an-)schaffen. Ziemlich große Brüste drohen das viel zu enge Shirt zu sprengen, über der knappen Hüftjeans wölbt sich ein Speckröllchen, in der langen Wallemähne steckt eine Sonnenbrille Marke Gucci. Sie ist für tagsüber ziemlich kräftig geschminkt und hält eine lange Zigarette in ebenso langen Fingern. Sie lacht viel und laut und scheint nicht wirklich hierher zu gehören.
Später erfahren wir, dass sie Veterinärin ist, die Tiere und das einfache Landleben liebt und auch lebt. Sie ist wohl diejenige in der Familie, die die meiste Zeit in dieser herrlichen aber einsamen Gegend verbringt. Ihr Inneres und ihr Äußeres widersprechen sich total; nicht alles ist in Brasilien so, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Um uns sind alle sehr bemüht und daran interessiert, den Besuch aus Deutschland mal aus der Nähe anzugucken. Wir fühlen uns ein kleinwenig exotisch, haben aber viel Spaß und beantworten gerne die vielen Fragen.

Auf dem Grill dreht sich seit Stunden eine 35kg-Wutz und duftet verführerisch. Es werden Salate und Teller herangeschafft und die Schlacht kann beginnen. Schweinefleisch ist in Brasilien eher etwas Besonderes und alle freuen sich darauf. Ich hätte nie gedacht, dass ein Schwein in dieser Größe derartig schnell vertilgt werden kann! Selbst der schüchterne Neunjährige rempelte sich nach vorne und ergatterte stolz ein großes Stück, das er tapfer nieder kämpfte. Es war aber auch ausgesprochen lecker. Schade, dass es im Internet noch keine Duftproben gibt, sonst würdet ihr gerade umfallen:

Wutz

Abgehoben

Und das gleich mehrfach. Nach dreimal starten und landen verliert das Ganze irgendwie seinen Reiz und die Wartezeiten dazwischen sind eigentlich auch nur nervig.
Obwohl, unseren Abend in Lissabon haben wir sehr genossen. Wir waren in einem ordentlichen Hotel untergebracht, konnten ein halbes Stündchen relaxen und sind abends zum Bummeln und Speisen in die Altstadt. Ein paar Stationen mit der UBahn, schon waren wir da. Die Restaurants mit den Touri-Fängern vor der Tür und den reich bebilderten Speisekarten lassen wir üblicherweise links liegen und gehen stattdessen der eigenen Nase nach. Wir fanden ein nettes kleines Restaurant in einer ruhigeren Seitenstraße. Hier konnten wir unsere mühsam erworbenen Sprachkenntnisse anbringen und wurden mit einem köstlichen Essen belohnt. 😀
Eine laue Sommernacht + lecker essen + fremdländische Sprachfetzen = Urlaub!
So lässt es sich aushalten.

Zurück im Hotel genehmigen wir uns noch ein Bierchen an der Bar und erfahren auch, wann wir am nächsten Morgen wieder zum Flughafen gekarrt werden.

Leider schlafe ich nicht so gut, wie ich es mir erhofft hatte und beim Frühstück hängen die Augenlider auf Halbmast. Egal, ich habe ja neun Stunden Flug vor mir und genügend Zeit, die ich verdösen kann. Wir wurden pünktlich abgeholt und konnten ganz entspannt und mit kleinem Gepäck an der Check-in-Warteschlange vorbeimarschieren (die neidischen Blicke habe ich sehr genossen!) 😛

Das Boarding allerdings ließ etwas auf sich warten und wir erfuhren, dass das Catering nicht so ganz geklappt habe. Unser Flug war der erste auf der für die TAP neuen Route Lissabon – Brasilia, und den Passagieren des Jungfernfluges wollten sie etwas Besonderes bieten. Zum guten Schluss hat dann aber doch noch alles geklappt und wir wurden mit wirklich guten Erste-Klasse-Menues und Schampus verwöhnt.

Insgesamt hat alles hervorragend funktioniert und wir hatten ausschließlich mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen zu tun, bis … ja bis wir brasilianischen Boden betraten. Ab da begann das Chaos!

Die Grenzer waren auf den Ansturm eines vollbesetzten Airbus nicht vorbereitet und mit drei Leutchen hoffnungslos unterbesetzt. 😦 Nach einer guten Stunde Wartezeit waren sie dann aber so clever, wenigstens mal zu fragen, wer von den Passagieren denn Anschlussflüge gebucht habe und wir wurden bevorzugt abgefertigt, bekamen jeder fünf Stempel auf irgendwelche Zettel und einen weiteren in den Pass. Dann mussten wir unser Gepäck finden.
„Das Transportband funktioniert nicht richtig“, erfuhren wir und dass „das noch etwas dauern könne“.
Von vier aufgegebenen Koffern kamen erstmal nur drei an. Der letzte kam nach einer dreiviertel Stunde als wirklich allerletztes Gepäckstück – mit abgerissenem Griff. Das war aber das geringste Problem, der Koffer gehört uns gar nicht (haha), den haben wir nur ausgeliehen. :))

Dann durch den Zoll: Im Flieger erklärte man uns, eine Deklaration pro Familie genüge. Also hatten wir auch nur einen dieser Scheißzettel amtlichen Formulare erhalten und ausgefüllt. Der Zöllner wollte aber zwei sehen!
Zuvor haben wir in der Schlange gebettelt, um vorgelassen zu werden. Nun standen wir doof rum und sollten einen weiteren Zettel ausfüllen. Hätten wir auch gerne gemacht, wenn es denn einen solchen gegeben hätte! Mehrere Bedienstete stoben aus und suchten nach den Formularen. Zurück kam keiner von ihnen. :)) Ich war kurz vorm Nervenzusammenbruch und auch mein ausgesprochen gelassener Göttergatte wurde allmählich ungehalten.
Irgendwer schaffte dann so einen Zettel ran und mein Liebster füllte ihn mit irgendeinem Mist aus und setzte meinen „Otto“ drunter. 8| Gelesen hat ihn sowieso keiner und sehen wollte ihn dann auch niemand mehr. :##
Ich werde mich nie wieder über deutsches Beamtentum auslassen und wenn doch, dürft Ihr mich an diese Situation erinnern.

Aber es sollte noch besser kommen! Als kleine Retourkutsche für unsere Unmutsäußerungen schickte uns dieser verdammte gewissenhafte Zöllner nämlich zur Gepäckkontrolle. Also durften wir zwei unserer vier Koffer öffnen und die ziemlich erstaunte Beamtin blickte auf Unmengen Kinderspielzeug, Kinderkleidung, Kuscheltiere und Puppen. Wir erklärten (inzwischen wieder ruhig – weil ziemlich sicher, dass wir unser Flugzeug sowieso nicht mehr kriegen würden), was wir mit dem ganzen Zeug anzustellen gedenken. Sie konnte mit uns und unseren Erklärungen offensichtlich nichts anfangen, ließ uns aber trotzdem ziehen.
(Wenn mir an dieser Stelle jemand einen freien Platz in einer Maschine nach Deutschland angeboten hätte, ich wäre sofort eingestiegen. Ich hatte die Schnauze so gestrichen voll!)

Nun aber rannten wir mit zwei total überladenen und praktisch unlenkbaren Gepäckwagen zum TAM-Schalter, mogelten uns auch hier vor und checkten erneut ein. Erfreulicherweise mussten wir für unsere 130 kg (!) Gepäck nichts zahlen und was noch besser war, der Flug hatte rund eine Stunde Verspätung! :>>
Ich hasse Unpünktlichkeit, diesmal war ich jedoch hoch erfreut darüber. Hatten wir doch nun ein kleines bisschen Zeit, wieder zu Atem zu kommen (und auf die Schnelle mal zwei Zigaretten reinzuziehen) und zu realisieren, dass wir wirklich in Brasilien sind und alles irgendwie anders (aber trotzdem!) funktioniert. Uff!

Jedenfalls erreichten wir nach einer weiteren anderthalben Stunde Flugzeit den letzten Flughafen, wurden von unseren Freunden herzlich in Empfang genommen und noch mal zwei Stunden mit dem Auto zu unserem Zielort gefahren. Hier wartete ein dickes Luftballonherz mit der Aufschrift „wellcome home“ auf uns und wir waren endlich, endlich angekommen und wirklich zu Hause.

Es gab noch ein Gute-Nacht-Bierchen im Stehen, dann sind wir ins Bett gefallen und ich schwöre, ich habe den Aufschlag nicht mehr gehört! :zz: