Zeitreise

Dresden – Regen – die Frisur sitzt. Wir hatten das Frühstück hinter uns und glotzten in den grauen Himmel. Es macht absolut keinen Spaß, mit dem Regenschirm auf Entdeckungstour zu gehen und so wurde flugs das Programm umgestellt und wir begaben uns auf Zeitreise.
„Zeitreise“ ist der Name eines Museums, in dem DDR-Geschichte wieder lebendig wird. Für € 7,- erhält man ein Tagesvisum und kann eintauchen in ein Leben, das man als Wessi nur vom Hörensagen kennt.
Im Erdgeschoss ging es um die Mobilität und gleich am Eingang kann man probehalber in einem Trabbi Platz nehmen. Das konnte ich mir schenken, da ich kurz nach der Wende sogar schon mal ein Stück in einem solchen Auto gefahren bin und mich an jedes Schlagloch auf der Straße erinnern kann. 😐 Aber es gab auch Motorräder und Lkws zu bestaunen, und Wohnwagen. Als bekennender Campingfan hatte ich besonderen Spaß an den Knutschkugeln, mit und ohne Vorzelt. Alles nett eingerichtet mit Klapphocker, Plastikgeschirr und Transistorradio. Kam mir alles verdammt bekannt vor. 😀

Im nächsten Stock ging es um das Leben an sich, Haushaltsgegenstände, Wohnungseinrichtungen, Bekleidung („mein Hüfthalter bringt mich um“), Spielzeug. Auch hier hat mich vieles an meine eigene Kindheit erinnert. So furchtbar groß war der Unterschied zwischen Hüben und Drüben gar nicht, wenn man mal davon absieht, dass wir auf unserer Seite des eisernen Vorhangs entschieden leichter an die Dinge des täglichen Bedarfs gekommen sind.

Eine Treppe höher war das öffentliche Leben ausgestellt: Ein Postamt, eine Amtsstube, eine Arztpraxis und Klassenräume. Auch hier holte mich meine Vergangenheit ein und ich wurde brutal an ein frühes Kindheitstrauma erinnert. Zur Einschulung bekam ich von der Ost-Verwandtschaft ein Griffelmäppchen geschenkt: Klein, Vopo-grau und aus Pappe. Darin befanden sich sechs Buntstifte, die sämtlich nur zum Angucken geeignet waren, ein extra harter Bleistift, ein unbrauchbarer Spitzer und ein Radierer, der beim ersten Kontakt mit Papier sofort zerbröselte. :## Alle anderen Kinder hatten schöne bunte Mäppchen mit ordentlichen Buntstiften, Lineal und allem Pipapo und ich musste mit diesem „Ding“ in die Schule gehen! 😥
Es hat erfreulicherweise aber nur bis zum zweiten Schuljahr gehalten und danach hatte auch ich ein ordentliches Mäppchen. Vergessen habe ich das graugrüne Ding aber nie!

Es folgte noch eine Ausstellung mit diversen Uniformen, Abzeichen und Ehrungen, die uns weniger interessiert hat und die wir schnell hinter uns gebraucht hatten.
Insgesamt aber war das Museum wirklich sehenswert und kurzweilig. Eine Zeitreise eben.

Den Rest des verregneten Tages haben wir Schönheit und Wohlbefinden gewidmet, einen kleinen Mittagsschlaf gemacht und uns lustige Masken aufs Gesicht geklatscht. Rein vorsorglich – um niemanden zu erschrecken – haben wir das Schild „Bitte nicht stören“ an die Tür gehängt. :))

Der Abend brachte noch einen längeren Spaziergang (ohne Regen) und ein leckeres Essen in einem wirklich gemütlichen Weinlokal. Der Wein hat uns ausgezeichnet geschmeckt und den Abend wollten wir mit dem Genuss unserer inzwischen gut gekühlten Pulle R*tkäppchen trocken und Knabbergebäck beschließen. Die Betonung liegt auf „wollten“, denn um das Gebäck nicht so runterwürgen zu müssen, haben wir die Minibar bemüht. R*tkäppchen landete ziemlich zügig im Ausguss. Das war uns dann doch zu viel Ostalgie! 88|

Werbeanzeigen

6 Gedanken zu “Zeitreise

  1. Ich war einmal in Bonn im Museum „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“. Auch da wurden viele Objekte des täglichen Lebens, Konsumgüter, Kinofilme ab den 60ern, Architektur, Politik, und, und, und… gezeigt. Sehr sehenswert, und auch da ist ein Tag nicht genug. Muß ich irgendwann nochmal hin.

    Sehr interessant auch die Ausage einer Mutter zu ihrem Zögling, als sie am einem Modell vorbeikamen, das die Wirkung auf eine Stadt nach dem Einschlag einer Atombombe demonstriren sollte: „So sah Bonn aus, als einmal eine Atombombe dort eingeschlagen ist….“ Ah ja!

    Gefällt mir

    • „So sah Bonn aus, als einmal eine Atombombe dort eingeschlagen ist….“ Ah ja!

      PISA lässt grüßen!

      Im Haus der Geschichte war ich auch schon und stand begeistert vor einer BMW-Isetta – dem ersten Auto meiner Eltern. Mit dem Ding sind wir mit vier Personen, großem Zelt, Tisch, Stühlen, Kochgeschirr und Luftmatratzen für vier Wochen nach Italien gefahren. Mein Talent, viele Dinge auf kleinstem Raum unterzubringen, habe ich eindeutig von meinem Vater geerbt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Tage wir unterwegs waren, bis wir endlich das Meer sahen.

      Gefällt mir

      • War die Isetta nicht nur dieser Zweisitzer? Gab es da auch einen für mehr Personen? Jedenfalls ein tolles Auto, leider habe ich nie in einem gesessen, gewschweige denn wäre ich drin gefahren. Einer meiner Brüder fuhr ein paar Jahre einen Borgward Isabella, das ist auch ein tolles Auto gewesen. Allerdings tonnenschwer, er hat die Bodenplatten auf unserem Hof tot gedrückt.

        Gefällt mir

      • Die Isetta gab es auch für vier – dünne – Personen. Meist sind wir damit zu fünft sonntags spazieren gefahren (damals machte man das noch).
        Als ich vor ein paar Jahren mal wieder so ein Gefährt gesehen habe, war ich schockiert über das Lenkrädchen, die Bonsai-Pedale und die winzigen Schalterchen. Einfach süüüß!

        An die Isabella kann ich mich auch noch erinnern. Das war damals schon ein „richtiges“ Auto mit super viel Platz und sehr bequem. Damals hatten Autos noch Gesichter und machten ganz spezifische Geräusche.
        Heute sind alle irgendwie einheitlich und langweilig.

        Gefällt mir

  2. ja, die heutigen kann ich schon gar nicht mehr auseinanderhalten. Vor allem, wenn sie noch in der ach so edlen, individuellen Farbe anthrazit einher kommen. Manchmal, wenn ich morgens mit dem Bus zur Arbeit fahre, versuche ich die Autos in anthrazit und die „mit Darbe“ zu zählen. Diese kommen da wirklich schlecht weg in Sachen Quantität.

    Aber Autos (bsp. für einen Campingurlaub) bis ins letzte Eckchen vollzupacken, ist eine echte Herausforderung. Und man bekommt viel in die Kisten rein, wenn man sich Mühe gibt. Aber ihr zu viert mit eurer Isetta, das ist schon was. Ich fand’s schon toll, was ich in meinen Mazda 323 reinbekam. Auch Italien, aber nur zwei Leute und nur drei Wochen. Aber wir mußten ja auch weiter fahren! 🙂

    Gefällt mir

    • Hahaha, 300 km oder so!?

      Bei uns hat sich das Packverhalten inzwischen etwas verändert; wenn ich heute mit meiner besseren Hälfte übers Wochenende wegfahre, kriegen wir den Kombi auch voll.
      Je mehr Platz man hat, desto mehr Mist nimmt man mit.
      In Italien gab’s für jeden zweimal Badesachen und eine Garnitur „für gut“, also Rock oder Hose, Bluse oder Hemd. Fertig. Damit sind wir prima ausgekommen. Das waren Zeiten!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s