Tock-tock-tock

Meine berufliche Laufbahn begann in einem Büro, das im fünften Stock eines Mietshauses gelegen war. Die einzelnen Wohnungen um uns herum waren sehr klein und wurden überwiegend von älteren, alleinstehenden Damen bewohnt, mit denen wir – außer einem kurzen Gruß im Aufzug – nichts weiter zu tun hatten.
Wir arbeiteten in einer Art Schichtbetrieb, so dass das Büro immer besetzt war. Vor der Mittagspause schmiss der Chef die Mappe mit der bereits durchgesehenen Eingangspost auf den Schreibtisch meiner Kollegin, die diese dann mit dem Eingangsstempel zu versehen hatte.
Ich saß ihr gegenüber und mampfte mein Pausenbrot und während sie den Tagesstempel auf die einzelnen Schriftstücke donnerte, schwatzten wir ein bisschen. Außer uns war niemand im Büro und wir mochten diese relativ ruhige Stunde sehr. Das Telefon klingelte selten und Publikumsverkehr war um diese Zeit auch nicht.
Wir waren nett am Plaudern, als es an der Eingangstür klingelte und kurz darauf eine der Damen aus dem Haus in unserem Zimmer stand.
„Bei Ihnen macht es mittags immer so tock-tock-tock!“, erklärte sie und bat darum, dieses Geräusch abzustellen, da sie um diese Zeit immer ihren Mittagsschlaf abzuhalten pflege.
Meine Kollegin und ich guckten uns verwundert an. :??: „Bei uns macht es doch nicht tock-tock-tock“, erklärte meine Kollegin amüsiert, „oder hören sie etwas?“
„Nein, jetzt gerade nicht, aber sonst immer! Und immer um diese Zeit!“
Wir überlegten gemeinsam, konnten aber im gesamten Büro kein Gerät ausmachen, das ein solches Geräusch von sich geben könnte und schickten die alte Dame wieder weg. 🙄
Wir alberten noch ein bisschen rum und amüsierten uns über das tock-tock-tock. Alte Menschen sind ja manchmal schon wunderlich! :))
Ich ging in die Küche und holte uns zur Stärkung erstmal einen Kaffee, meine Kollegin griff zu Postmappe und Stempel und legte los.
Keine drei Minuten später stand die alte Dame wieder in der Tür. Diesmal hatte sie sich angeschlichen und gar nicht erst geklingelt. Wieselflink rannte sie auf meine Kollegin zu und fuchtelte mit ausgestrecktem Zeigefinger wild in der Gegend herum. „Da! Da ist es wieder, dieses tock-tock-tock!“ Sie war ganz aufgebracht. „Ich hab’s doch gewusst!“, triumphierte sie.
Wir waren wie vom Donner gerührt. „DAS hören Sie?“, fragten wir wie aus einem Mund.
„Ja, genau das! Tock-tock-tock – jeden Mittag!“

Ok, wir haben uns bei ihr entschuldigt und versprochen, die Post erst nach ihrem Mittagsschlaf abzustempeln. Einige Tage später wurde dann auch ein Stempel angeschafft, der eine leise Handhabung möglich machte. Trotzdem haben wir noch häufig darüber gelacht und „Post abstempeln“ hieß von Stund’ an nur noch „tock-tock-tock“.

Wieso mir das jetzt – nach über 30 Jahren – wieder einfällt? Keine Ahnung. Vielleicht weil ich gerade einen Anruf von einer älteren Dame hatte, die vermeintlich unter mir wohnt und sich beschweren wollte. Die allerdings hatte sich einfach nur verwählt und bei mir ist es wirklich mucksmäuschenstill. Ehrenwort! :yes:

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