Der Seniorchef

Kürzlich geisterte er in meinem Traum ‚rum und ist plötzlich wieder sehr präsent. Ich nehm’ es mal zum Anlass, ihm einen Blogeintrag zu widmen – schließlich hatte die Belegschaft zu seinen Lebzeiten viel Spaß mit ihm.

Er war ein netter alter Herr, ein bisschen tüddelig und vergesslich, aber immer korrekt und höflich. So richtig was zu tun hatte er im Büro eigentlich nicht mehr. Er kam nur noch stundenweise und nutzte die Zeit für ein paar Telefongespräche, diktierte mal umständlich ein Briefchen, dessen Inhalt wir längst als Formular oder Textbaustein vorrätig hatten und schlürfte mit Begeisterung Kaffee, der ihm von seiner gesundheitsbewussten Gattin versagt wurde. Gelegentlich besuchte sie ihn im Büro und wir mussten die Kaffeetasse schleunigst mit irgendeiner Ausrede von seinem Schreibtisch entfernen.
Pünktlich um viertel vor neun flog er allmorgendlich mit seinem großen alten Auto ein und parkte das Riesengefährt vor dem Büro und pünktlich um diese Zeit stand die ganze Belegschaft an den Fenstern und verfolgte belustigt dieses Schauspiel. Zu seiner Ehrenrettung muss man sagen, dass es immer ohne Kratzer oder Beulen abgegangen ist, aber es dauerte halt seine Zeit. 😀
Gerne machte er auch kleine Botengänge zu Gericht. Diese nutzte er dann, um in der Gerichtskantine ein Stückchen Kuchen zu verzehren und mit seinen alten Kollegen ein Schwätzchen zu halten.
Bei einem dieser Botengänge brachte er sich vom nahegelegenen Obststand ein paar Bananen mit und überlegte vor der Haustür, dass es ja umständlich wäre, diese jetzt in den vierten Stock zu tragen und eine halbe Stunde später – wenn er „Feierabend“ hatte – wieder mit nach unten zu nehmen. Seinen Autoschlüssel hatte er nicht dabei, also legte er kurz entschlossen die Bananen hinter das Vorderrad seines Autos. Da waren sie für Obstdiebe unsichtbar und er musste sie nicht erst durchs Haus tragen. Raffiniert! :yes:
Einer meiner Chefs beobachtete das zufällig vom Fenster aus.
Es kam, wie es kommen musste: Der Seni hatte seine Bananen längst vergessen, als er um Punkt halb eins in sein Auto kletterte und den Rückwärtsgang einlegte. :))

Wir kratzten schmunzelnd den Bananenbrei vom Asphalt und entsorgten die gelbe Matsche. Niemand hat ihm gegenüber je ein Wort darüber verloren und ich bin sicher, er hat auch zu Hause nicht mehr an das unglücklich geparkte Obst gedacht.

Es gab noch viele solcher Begebenheiten und als der Seniorchef nach kurzer schwerer Krankheit starb, fehlte uns allen etwas. Noch Jahre später wurde bei Weihnachts- und sonstigen Feiern über seine kleinen Missgeschicke geschmunzelt. 🙂

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7 Gedanken zu “Der Seniorchef

    • wenigstens … ??

      Nee, heute ist jung, dynamisch und gesichtslos angesagt! Der alte Mann hatte seine Macken, hat manchmal genervt, war drollig und hatte mehr Profil als alle anderen Chefs zusammen.
      Ich hab‘ ihn gemocht. Trotzdem – oder gerade deshalb!

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  1. in China wird ein alter, ausrangierter Chef immer geehrt und geachtet, denn man darf nicht vergessen, das er es war der >Firma aufgebaut hat.
    Bei uns werden die Alten schnell belustigt und aufs Abstellgleis geschoben.
    Finde daher Deine Erzählung interessant, obwohl sie eine gewisse Schadensfreude nicht verhehlt.
    Nehme an Du sprichst von einer Anwaltskanzlei. Habe es selbst schon 2mal erlebt, dass die Senioren in einer Kanzlei leider an einer gewissen Demenz litten.
    Aber meistens funktionierte das Langzeitgedächtnis immer sehr gut, die konnten sich an Dinge erinnern, die längst vergessen waren.

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    • Hallo mannifred,
      nein, Schadenfreude war gewiss nicht dabei! Irgendwann werden wir ja alle alt und schrullig, da passieren halt schon mal lustige Dinge und außer den Bananen hat’s ja niemandem geschadet. Warum also nicht darüber lachen?

      Das Langzeitgedächtnis unseres Seni war übrigens wirklich toll. Er kannte Tod und Teufel und wußte genau, wer wann mit wem welchen Prozeß hatte.
      Nur mit der neumodischen Arbeitsweise in einem Anwaltsbüro mochte er sich nicht mehr so recht anfreunden und das haben wir ihm gerne nachgesehen.

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      • bis vor einigen Jahren hatte die Anwaltskanzlei, die mich hauptsächlich vertrat, einen Bürovorsteher.
        Er war mit 71 Jahren immer noch tätig.
        Er konnte keinen Namen mehr behalten, kann ich auch nicht, aber wenn er Jemanden sah, konnte er sämtliche Verfahren aufführen, die die Kanzlei getätigt hatte. Zog gleichzeitig die richtige Akte aus dem Archiv.
        Ein wundervoller Mensch, zu seiner Beerdigung waren u.a. sehr viele alte Klienten gekommen, die ihn verehrt hatten.
        Uns erwischt es ja wahrscheinlich auch eines Tages.

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      • *Uns erwischt es ja wahrscheinlich auch eines Tages.*

        Davon müssen wir wohl ausgehen! :/
        Hoffen wir mal, dass es noch lange dauert und wir bis dahin fit und guter Dinge sind.

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