Kinnergeschiss

Oder besser gesagt: Geschiss um die Kinner.

Immer wieder fällt mir auf, dass heutzutage ein unglaubliches Getue herrscht, wenn ein Kind geboren wird. Was früher die normalste Sache der Welt war, gerät heute zum Event, noch bevor das Baby auf der Welt ist. In Zeitschriften wird den Eltern haarklein erklärt, was so alles mit ihrem Kind geschieht und wie sie darauf zu reagieren haben. Vom ersten Schrei über Schulzeit und Pubertät bis zu dem Tag, an dem die Kids aus dem Haus gehen. Hilfe für alle Lebenslagen. Früher reagierten die Eltern aus dem Bauch heraus, fragten im besten Fall die Oma oder auch mal die Nachbarin, wenn es Probleme mit dem Nachwuchs gab. Heue rennen engagierte Eltern zum Kiosk und verschlingen diese Hefte, halten sich strikt an die Anweisungen diverser Ratgeber – nur besser sind unsere Kids jetzt auch nicht, oder?

Im Gegenteil: die Lehrer beklagen, dass die Eltern die Erziehungsarbeit auf die Schule abwälzen, die Alten schimpfen, die Jugend sei respektlos. Der Rest der Menschheit steht irgendwo dazwischen und wundert sich.

Wo ist das Bauchgefühl hin, was für das eigene Kind richtig und wichtig ist? Haben Eltern keine Zeit mehr, sich um die Belange ihrer Kinder selbst zu kümmern?
Das würde zumindest erklären, warum Kindern heute nur noch selten vorgelesen, mit ihnen gemalt und gebastelt wird. Gut situierte Eltern lassen ihr Kind von der Tagesmutter zum Klavierunterricht/Tennis/Yoga fahren, die weniger Betuchten parken ihren Nachwuchs vor der Glotze.

Ich bin nicht der Meinung, dass früher alles besser war. Eltern hatten auch damals wenig Zeit und die meisten auch sehr wenig Geld. Die Kinder waren nach der Schule draußen, Rollschuh laufen, Drachen steigen lassen, Mäuse sezieren. Sie waren selten dick, haben gelernt, sich in die Gruppe zu integrieren und eigene Interessen durchzusetzen. Das reale Leben halt.
Die Mütter fielen auch nicht gleich in Ohnmacht, wenn ihr Sprössling mit aufgeschlagenen Knien nach Hause kam. Pflaster drauf und fertig. Die Kids hatten eine gute Portion Abwehrstoffe gegen allerlei Krankheiten. Vor Einbruch der Dunkelheit hatten sie zu Hause zu sein und wenn nicht, gab’s was hinter die Löffel.
– O.k., das ist jetzt zu Recht verboten.

Die Schule erfüllte ihren Lehrauftrag und vermittelte zumindest die Grundrechenarten, Lesen und Schreiben und eine gute Portion Allgemeinbildung. Wer nicht funktionierte, bekam eine saftige Strafarbeit oder musste nachsitzen. Heute herrscht Chaos in den Klassen und auf dem Schulhof wird gedealt. Pisa lässt grüßen. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind längst auf eine Privatschule.

Was den meisten Eltern gemein ist, ist der Ausspruch „ein zweites Kind ist finanziell nicht drin!“ Früher hieß es, „wo drei satt werden, wird auch noch ein viertes satt.“ Man rutschte halt ein bisschen zusammen am Küchentisch.

Ich vermisse ein gesundes Mittelmaß.

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6 Gedanken zu “Kinnergeschiss

  1. Ich vermisse ein gesundes Mittelmaß. ..
    aber genau das ist es ja was die Gesellschaft / Eltern / Kindergarten / Schulen ja eben nicht wollen.. Mittelmaß !! Heute darf ein Kind ja gar nicht mehr mittelmass sein..
    es muss , wenn es in die Schule kommt, schwimmen können, ein Musikinstrument spielen können, wissen wie der PC funktioniert , Kenntnisse über die Anatomie der Hauskatze haben und und und…
    wann darf ein Kind denn noch spielen? durch die Hecken ziehen? rumtollen? krach machen? mit dem Fahhrad durch die Höfe fahren? und wo soll es denn noch Drachen steigen lassen?
    Die Gesellschaft hat doch lieber Kinder, die kein Krach, kein Lärm, und keine dreckigen Finger haben..
    Und läuft nur ein Kind mal etwas aus der spur, dann bleibt dir als Mutter(Vater doch gar nichts anderes übrig als Psychologe.. denn die Erziehungsanstalten VERLANGEN das ja..
    leider darf ein Kind heute doch gar nicht mehr Kind sein.. denn wenn es Kind ist.. dann ist es eben laut..tollt.. rauft.. und will seine Grenzen bei anderen Kindern abstecken..
    was es ja auch nicht kann.. denn wenn Kinder sich untereinander mal kloppen.. wer steht denn dann am nächsten tag bei der Polizei? Genau nicht das Kind sondern die Erwachsenen..

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    • Stimmt, die Karriere beginnt im Kindergarten; eine Entwicklung, die zum Kotzen ist!
      Ich bin froh, dass ich als Kind noch rumtoben konnte – allerdings hab‘ ich auch keine Karriere gemacht. 😉

      Heute gelten tobende Kinder als hyperaktiv und werden mit Pillen ruhig gestellt. Wohin soll das führen?

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  2. Das Geschiss wird auch von den Eltern gemacht, die Kinder werden zuviel gefragt. „Wo willst Du sitzen? Wo soll Oma sitzen, wo Opa?“ Genau das hat mein Mann gestern wieder erleben dürfen und wäre beinahe aus der Haut gefahren! Auch im Restaurant haben wir das schon erlebt – da entscheiden 4-jährige, was bei mama auf den Teller kommt…:crazy:

    Und Hanne hat auch recht: Mittelmaß ist nicht mehr gefragt! Alle müssen bei allem immer super sein, die Kinder müssen schon lesen und schreiben und am besten das große Einmaleins können, wenn sie eingeschult werden.

    Aber es gibt, denke ich, auch noch „normale“ Eltern. Die Unterschiede stelle ich ganz häufig bei meiner Arbeit fest. Trotzdem nimmt das „Geschiss“, wie Du es nennst, schon in einigen Familien sehr merkwürdige Formen an.

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  3. „a entscheiden 4-jährige, was bei mama auf den Teller kommt…:crazy:“

    Da kann man sich doch nur an den Kopf greifen, oder?

    Klar, ein paar „normale“ Eltern gibts auch noch, aber man muss sie suchen. Die große Masse ist entweder überkandidelt oder desinteressiert. In beiden Fällen tun die Kids mir Leid.

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  4. Die Karriere beginnt schon im Mutterlein! Tipp aus einem Babybuch: „Schon dem Bauch klassische Musik vorspielen und viel Vorlesen, damit das Kind nicht schon als Idiot auf die Welt kommt!“.

    Danach das volle Programm…Geburtsvorbereitung, Pekip, Babymassage, Babyschwimmen…Und wenn man mal was ausläßt, wird man gleich komisch angesehen! So geht es zumindest grade mir, weil ich beschlossen habe, kein Babyschwimmen zu machen! Das arme Kind wird wahrscheinlich diese Motoriklücke nicht mehr schließen können….

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    • Tja, meine Liebe, dann leg‘ Dir schon mal ein paar gute Ausreden zurecht. Du wirst sie brauchen, wenn Deine pubertierende Tochter Dir Vorwürfe wegen Deiner Versäumnisse macht. :))

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