Johann und ich

Zu Sterneköchen habe ich ja ein eher gestörtes Verhältnis. Es ist nicht so, dass ich ihre Kochkunst nicht schätze, oh nein! Wenn ich mich da an den Tisch setzen und einfach bestellen kann, ist das völlig ok. (Kam bisher leider nicht vor.) Aber nach deren Rezepten kochen, das ist mir einfach zu stressig.

Beim Radiosender SWR 3 gibt’s 2 oder 3 x pro Jahr „Grillen mit Lafer“. Er steht mit einem Promi am Grill und gibt der lauschenden Radiogemeinde Anweisungen, wann was zu tun ist. Die Einkaufsliste gibt’s vorab zum Runterladen auf der Homepage und man kann sogar angeben, mit wie vielen Leuten man zu grillen gedenkt; die Mengenangaben werden dann genau berechnet.

Tagelang habe ich nichts anderes gemacht, als Zutaten zusammen zu tragen. Am Anfang war alles easy: getrocknete Tomaten, Dijonsenf, Kichererbsen, geschälte Nüsse und all so Zeugs. Am Montag habe ich dann Lachs, Seranoschinken, Blätterteig, Sahne und ähnliche Dinge besorgt. Gestern war ich auf der Jagd nach Kräutern, grünem Spargel, Erdbeeren und Kopfsalat.
Ich sag’s Euch, ich kenne jetzt alle Geschäfte im Umkreis! Der Spargel will witterungsbedingt nicht so richtig, und für gescheite Erdbeeren ist es sowieso zu früh. Ich hab‘ dann italienische Erdbeeren bekommen, die natürlich nicht so toll waren. Einen einzigen Spargelstand habe ich gefunden, der überhaupt grünen Spargel hatte; da habe ich die Reste aufgekauft und das mit dem Kopfsalat habe ich mir auch einfacher vorgestellt. Den gab es früher überall. Heute gibt es nur noch Lollo in allen Farben oder irgendwelches Schickimicki-Grün. Drei Stunden und eine halbe Tankfüllung Sprit und schwupp, schon hatte ich alles.

Heute Morgen habe ich – noch im Nachthemd – alle Zutaten genau abgewogen und alles bereitgestellt. Ab 10.00 Uhr gab es im Internet auch die Rezepte zum Runterladen, womit ich meinen Mann beauftragt habe. Ich hab mich derweil endlich mal angezogen und gästefein gemacht. Als ich wieder ins Wohnzimmer komme, liegt der ganze Tisch voll mit Zetteln. Jedes Rezept geht über mehrere Seiten und alle sind zu meiner großen Freude nur für vier Personen berechnet. Also kann man alles erst einmal umrechnen. Die ersten Gäste schlugen auf und alle haben sich interessiert über die Zettel hergemacht. Schön, dass auf den Folgeseiten nicht steht, zu welchem Rezept die Anweisungen gehören und es auch keine Seitenzahlen gibt. Top! Nachdem alle in den Zetteln rumgewühlt haben, weiß niemand mehr, was wohin gehört. Also habe ich erst mal wieder System in die ganze Sache gebracht und die Seiten nummeriert. 🙄

Dann ging’s ans Schnibbeln. Ich sag mal so: Meine Küche ist so winzig, dass jede zweite Person eine zu viel ist. Außerdem kenne nur ich mich aus und es bringt mir nichts, wenn jemand da steht und nach einem Brettchen und einem Messer in genehmer Größe verlangt. Bis ich dem alles hergerichtet habe, habe ich das Zeug auch selbst kleingehackt. Außerdem gibt es Leute, mit denen kann man zusammen arbeiten und solche, mit denen das eher nicht klappt. Ich hatte heute beide Sorten Mensch neben mir.
Jedenfalls haben wir geschnibbelt, gerieben und ausgepresst, was das Zeug hielt. Nach einer halben Stunde schrie meine Küche nach einer Grundsanierung. Zitronenspritzer, breitgelatschte Gurkenschalen, Öltropfen und abgestürzte Knobizehen haben eine nette Patina auf den Fußboden gezaubert, verziert mit ein paar Kräutern und Zwiebelschalen. Der Boden korrespondierte aber perfekt mit der Arbeitsfläche. Dazwischen noch ein paar scharfe Messer und sonstiges Werkzeug.

Als Vorspeise gab es Wraps mit Guacamole und Räucherlachs, dazu einen bunten Salat. Alles hat sehr lecker geschmeckt und wir hatten inzwischen auch ordentlich Hunger. Besteck und Geschirr wanderte danach in die Spülmaschine. Ich erwähne das nur, weil während des Einräumens die Küche praktisch nicht mehr begehbar ist. Die Klappe der Spülmaschine ragt in den Eingangsbereich der Küche und da lauerten schon die nächsten Schnibbeler und begehrten Einlass. Ich war ein klein wenig genervt.

Der zweite Gang bestand aus Spaghetti (in einer Aluschale auf dem Grill in Hühnerbrühe gegart) und einer Soße aus klein geschnittenen getrockneten Tomaten, Paprika und was weiß ich nicht noch alles. Die Tomaten hätte man gut schon vor drei Wochen klein schneiden können, aber nein … wir haben ja gerade erst erfahren, dass und wie sie geschnitten werden müssen. *mit den Augen roll*
So etwas nervt und frisst unnötig Zeit. Wir gerieten irgendwie ins Hintertreffen. Lafer und seine Gehilfin waren schon beim nächsten Gang, als wir gerade mal das Essen auf dem Teller hatten.

Wieder das Spielchen mit der Spülmaschine und den mit den Hufen scharrenden Leuten vor der Küchentür. Draußen kam neue Kohle auf den Grill, die ja auch erst einmal durchglühen muss.

Als nächstes wurden vorher eingelegte Hühnerbrüste gegart, die es zusammen mit Kichererbsenpampe/püree/soße gab. Dazu mit Seranoschinken umwickelten grünen Spargel. Das Fassungsvermögen unseres doch recht großen Grills war längst erreicht. Ich hatte die Faxen schon geraume Zeit dicke und hab‘ den Backofen angeworfen. Die Schale mit dem Spargel kam erst einmal da rein. Irgendwann war auch dieser Gang fertig und wurde gefuttert.
Da wir den Anschluss an Lafer inzwischen verloren hatten und etwas improvisieren mussten, waren die Hühnerbrüste etwas zu lange über dem Feuer und entsprechend trocken. Der Rest hat aber ganz gut geschmeckt, wenn man mal davon absieht, dass ich keinen Seranoschinken mag und mit dem grünen Spargel was Besseres hätte anfangen können.

Während des ganzen Trubels und der Hektik in der Küche haben wir beschlossen, den Lafer Sternekoch sein zu lassen und den Nachtisch frei Schnauze und nach unseren Ideen zu machen. Wir haben die Erdbeeren schön mit Zucker und Allohol mariniert und aus Quark und Sahne eine Creme hergestellt. Alles zusammen ergab einen leckeren Nachtisch ohne Firlefanz. Dafür habe ich jetzt noch zwei Rollen Blätterteig im Kühlschrank liegen, für deren Verwendung ich mir noch etwas einfallen lassen muss.
Ach ja, und die sechs leeren Klopapierrollen, die wir seit Tagen gesammelt haben und die für die Herstellung des Laferschen Nachtisches benötigt worden wären, habe ich dem Altpapier zugeführt. Die Anweisung, was mit den Papprollen zu tun wäre, war sowieso unverständlich. :-/

Alles in allem war das ein total chaotischer Tag, der aber mit den anwesenden Leuten trotzdem Spaß gemacht hat; zumindest in der Nachschau. Mit Grillen allerdings hatte das alles rein gar nichts zu tun. Alle Speisen hätten einfacher im Backofen bzw. auf dem Herd hergestellt werden können und die Massen von Aluschalen wären dann auch unnötig gewesen.
Beim nächsten Mal grillen wir wieder richtig: Ein Fetzen Fleisch direkt auf dem Rost (man will ja auch ein paar Schadstoffe abkriegen), eine Schüssel Salat und Brot dazu. :yes: Vorspeisen und Nachtisch werden so geplant, dass sie vorbereitet werden können und bereits fertig sind, wenn die Gäste eintreffen. Das ist dann ein bisschen mehr Arbeit im Vorfeld, aber der Nachmittag/Abend ist streßfrei und auch ich kann mal eine Zeit lang gemütlich am Tisch sitzen. Die einzelnen Rezepte werden wir sicher in unseren Speiseplan aufnehmen und irgendwann noch einmal machen. Geschmeckt hat es nämlich gut.

So, und jetzt gehe ich ins Bett. Ich hab‘ Rücken und dicke Füße und jede Menge Müll am Bein. Die Küche ist ein Trümmerfeld, die Spülmaschine ächzt unter den Strapazen. Morgen kommt meine Perle und wie ich ihr den Fußboden erklären soll, das weiß ich wirklich noch nicht. ;D

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14 Gedanken zu “Johann und ich

    • Hi Emma,
      das war eine komische Grillparty und gekichert haben wir auch … was aber wohl eher am Wein lag. Alles in allem war es lustig, aber das nächste Mal findet die Veranstaltung ohne uns statt!
      LG, Caipi

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    • Dazugelernt habe ich, dass ich mich nicht noch einmal auf so etwas einlasse. Ich bin ja mehr der Planer; da passieren dann immer noch genug Dinge, auf die man spontan reagieren kann.
      Immerhin hatten wir Spaß … mal mehr, mal weniger. 😉

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  1. Eigentlich … sollte man ja auch für Gäste nur etwas machen, was man schon mal ausprobiert hat. 😉

    Ich weiß: Dumm schnacken kann jeder. :>>

    Aber wenn’s ja dann doch geschmeckt hat.

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  2. Entschuldigung liebste Caipi,
    aber ich musste jetzt erst mal ganz herzhaft lachen als ich alles gelesen hatte.

    Nicht nur wegen deiner Schilderung des Ganzen,
    sondern weil ich sowas auch mal gemacht habe und danach nur noch einen kurzen Satz sagte:“ NIE WIEDER!!!“.

    Ich hatte rein gar nichts von dem Abend,erst den ganzen Tag alles vor bereitet, dann stand nur ich am Grill und alle Anderen hatten ihre riesen Freude und den Genuss des guten Essens.
    Danach bin ich halbtot in einen Stuhl gefallen und echten Hunger hatte ich auch nicht mehr ;).

    Wenn ihr aber trotzdem einen schönen
    1. Mai hattet, freut mich das natürlich.

    Bin auch er die, die etwas lieber vorher mal testet, ehe sie es Gästen anbietet, denn da schwingt doch immer etwas Angst mit, es könnte was schief gehen :)).

    Schönen Abend noch und einen lieben Gruß
    Uschi :wave:

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    • Hallo Uschi,
      ich glaube, so etwas macht man nur einmal … zumindest, wenn man so gestrickt ist, wie wir. Immerhin können wir jetzt mitreden! 😉
      Aus den nicht verbrauchten Nachtisch-Zutaten habe ich gestern noch Stückchen produziert und hatte meinem Kaffeebesuch etwas Leckeres anzubieten.
      Meine Küche ist inzwischen übrigens auch wieder vorzeigbar. *freu*
      LG, Caipi

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