Touristen-Fänger

Eine Fußgängerzone in Lissabon, auf beiden Seiten reiht sich Restaurant an Restaurant. Die Tische vor den Lokalen sind eingedeckt und warten auf Kundschaft, große Aufsteller geben bebildert Auskunft über das Angebot an Speisen. Die abgebildeten Teller gleichen einander, wie ein Ei dem anderen, bei den Preisen ist es nicht anders. Es wäre also völlig egal, vor welchem Lokal man sich nieder lässt – über die Qualität des Essens kann man sowieso erst hinterher urteilen.
Da die Wirte auf Kundschaft angewiesen sind und ihre Kellner auch dann bezahlen müssen, wenn nichts zu tun ist, müssen die armen Kerle mit einer Speisekarte in der Hand vor dem Lokal stehen und Kundschaft einfangen. Es ist es völlig egal, ob die Passanten Hunger haben oder nicht – jeder wird angesprochen. Die Masche ist immer dieselbe; sie variiert zwischen freundlich und aggressiv nur ein bisschen. Es empfiehlt sich, an diesen Läden eiligen Schrittes vorbei zu laufen. Riskiert man auch nur einen winzigen Blick in Richtung der Tische oder der Aufsteller, springt einem der Kellner vor die Füße und hält einem die aufgeschlagene Speisekarte vor die Nase. Den wird man so schnell nicht mehr los, der klebt an einem bis zur nächsten Straßenecke.
Wir meiden diese Lokale schon aus Prinzip. In dem ganzen Restaurant-Gewühl hatten wir vor Jahren eines entdeckt, bei dem alles anders war. Ein ganz kleiner Laden, nur wenige Tische, eine aufgeschlagene Speisekarte, in der Interessierte in Ruhe blättern konnten. Der Kellner stand am Eingang und kam erst, wenn man sich an einen der freien Tische gesetzt hatte. Leckere Speisen, zivile Preise und guter Service – fortan unser Stammlokal in Lissabon.
Zielstrebig sind wir auch in diesem Jahr wieder dorthin marschiert und waren enttäuscht: Das Lokal ist modern umgebaut und vergrößert, viele Tische, Aufsteller, Fänger vor der Tür. Der alte Wirt hatte sich zur Ruhe gesetzt und den Laden verkauft. Nix wie weg hier!
Wir mussten einige Zeit suchen, haben dann aber ein Lokal gefunden, das uns zusagte: Eine Tafel mit einem Auszug der Speisekarte war aufgestellt und die Empfangsdame kam erst auf uns zu, als wir das Areal des Lokals betreten hatten. Unsere Suche wurde mit sehr leckerem Essen belohnt. Auch wenn wir dem alten Lokal nachtrauern, im nächsten Jahr haben wir bei unserer Durchreise wieder ein Ziel vor Augen!

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