Favelakinder

Am Eingang zur Favela „Morro do Papagaio“ – eines der großen Elendsviertel in Belo Horizonte – gab es bis zum letzten Jahr einen Polizeiposten, der etwas erhöht in einer Art Wachturm thronte. Der Turm ist jetzt weg, nun stehen nur noch volle Müllcontainer rum, neben denen wir tapfer unser Auto abstellen. In einem der Container liegt obenauf ein toter Hund, von Mücken umschwärmt. Es stinkt zum Himmel; Armut kann man riechen! Wir nehmen die drei kleinen Tüten mit Geschenken aus dem Kofferraum und stapfen die steile Gasse bis zum Gebäude der Kindertagesstätte GAC (Grupo de Amigos da Criança) hinauf. Die Gasse ist eng, trotzdem quält sich hier noch ein Bus durch. Als Fußgänger muss man schleunigst Schutz in einem der Hauseingänge suchen, was mir nicht ganz gelingt. Er streift mich und reißt mich fast um. Pech gehabt. Wer zu langsam ist …!

Unsere Gäste aus Deutschland sind selbst Paten für eines der Favela-Kinder, die unser Verein Kinderhorizonte e.V. unterstützt und fördert. Von weiteren Paten hatten wir Geschenke dabei und auch unser eigenes Patenkind wollten wir endlich persönlich kennen lernen. Bei unserem letzten Besuch war sie krank und musste das Bett hüten. Sophia ist vier Jahre alt und besucht die Gruppe der Vorschulkinder, die ganztags betreut werden, geregelte Mahlzeiten erhalten und sicher und behütet spielen können. Die großen Kinder gehen halbtags zur Schule, bekommen in der Tagesstätte ihr Mittagessen und können in Ruhe und unterstützt durch einen Nachhilfelehrer ihre Hausaufgaben machen, spielen oder an einem der vielfältigen Workshops teilnehmen.

Gerade die kleinen Kinder drehen immer völlig auf, wenn Besuch aus Deutschland kommt. Sie winken und rufen, man wird umarmt und bekommt jede Menge Fragen gestellt. Jedes Kind versucht auf seine Weise, auf sich aufmerksam zu machen. Wir waren zum Kindertag da, der dort gleich eine ganze Woche lang gefeiert wird. Es gibt Kuchen und Süßspeisen, besondere Spiele und Aktivitäten und jedes Kind darf in „zivil“ kommen (normalerweise gibt es eine Art Uniform, die bei den Kleinen in Trainingsanzügen mit dem Aufdruck der Tagesstätte bestehen). Da sieht man dann schon mal kleine Prinzessinnen, Clowns oder Cowboys und mich haut jedes Mal die Lautstärke um, die die rund 100 Vorschulkinder beim Spielen und Toben entwickeln. Das ist der absolute Wahnsinn!

Sophia und die beiden anderen Patenkinder wurden von einer Betreuerin in das Büro der Leiterin der Tagesstätte gebracht, damit die Übergabe der Geschenke nicht vor den Augen der anderen Kinder passiert und kein Neid aufkommt. Das Auspacken der Kuscheltiere, Malbücher und –stifte machte den Kleinen anfangs noch etwas Mühe, aber mit ein bisschen Unterstützung durch die Erwachsenen klappe es dann doch und die Geschenke fanden großen Anklang. Mich begeistern immer wieder die Augen der Kinder; sie sind unglaublich: Erstaunen, Fragen, Glückseligkeit – alles zeichnet sich darin ab! Die Kleinen blieben bei uns, bis zum Essen gerufen wurde. Die Geschenke wurden wieder in die Tüten gepackt und diese mit Namen versehen. Am Abend durften sie sie mit nach Hause nehmen.

 

Die Zeit des Mittagessens (mit anschließendem Schlaf) haben wir genutzt, um mit der Leiterin der Tagesstätte die anstehenden Projekte zu besprechen und die Verwendung der Gelder, die Kinderhorizonte e.V. an die Einrichtung überweist. Schließlich sind wir unseren Paten und Spendern ja Rechenschaft schuldig und sie sollen wissen, für was das gespendete Geld ausgegeben wird.

Bevor die Kleinen aus dem Mittagsschlaf erwachten, haben wir noch die Gruppe der Schulkinder besucht, die in einem anderen Gebäude untergebracht sind. Dort hatte man auch für uns ein einfaches Mittagessen gerichtet, das sehr gut schmeckte. Die großen Kinder erzählten uns, was ihnen an der Einrichtung am besten gefällt und warum sie die Tagesstätte gerne besuchen. Ganz hoch im Kurs steht natürlich der kleine Pool, der mit Hilfe von Kinderhorizonte e.V. gebaut wurde und in dem die Kinder Schwimmunterricht erhalten. Eine kleine Sensation in einer Favela, die anfangs auch Missgunst bei den Nachbarn erweckte. Mittlerweile ist das Schwimmbad überdacht und der Eingang gut gesichert.

 

Die GAC-Kinder profitieren von den Angeboten an Workshops und dem Nachhilfeunterricht. Sie sind besser in der Schule, lernen leichter, machen ihre Hausaufgaben. Leider können sich viele Eltern den Unkostenbeitrag für die Unterbringung in der Tagesstätte (35 Reais pro Monat, derzeit noch keine zehn Euro pro MONAT) nicht leisten und schicken ihre Kinder lieber in die kostenlosen Ganztagsschulen, in denen die Kinder mehr oder weniger verwahrt werden. Zwar bieten diese Schulen inzwischen auch so etwas wie Workshops an, erreichen dabei aber nicht die Qualität, wie sie in der Tagesstätte geboten wird. Wir haben daher beschlossen, die Beiträge hälftig zu übernehmen und hoffen, dass sich so wieder mehr Eltern zu einer Unterbringung ihrer Kinder bei GAC entschließen und gewillt sind, die verbleibenden fünf Euro im Monat zu zahlen. Bei der derzeitigen Inflation in Brasilien ist das noch schwer genug.

Und wir als Verein hoffen, weitere Paten und Spender für dieses wunderbare Projekt zu finden! Wer Interesse hat, sollte sich unsere Homepage www.kinderhorizonte.org anschauen – die zwar nicht auf dem neuesten Stand ist (und gerade überarbeitet wird), aber einen Eindruck vermittelt, wie wir arbeiten, für was wir stehen und was uns von anderen Organisationen unterscheidet.

4 Gedanken zu “Favelakinder

  1. Liebe Caipi,
    das ist ein ganz toller Bericht über eure Organisation und was ihr GUTES tut.

    Die glänzenden Kinderaugen sind ein wundervoller DANK dafür und ich habe alles mit großer Begeisterung gelesen.

    Weiter so und gute Erfolge wünsche ich von ganzem Herzen.

    Liebe Grüsse,
    Uschi ❤

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  2. Danke, liebe Uschi.
    Die Arbeit für den Verein frisst zwar viel Zeit, aber wenn wir dort sind und sehen, was an Entwicklung möglich ist, dann wissen wir, dass diese Zeit gut investiert ist!
    Die Kids sind unglaublich!
    LG, Caipi

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  3. Oi Caipi!
    Zunächst noch einmal vielen Dank für Deine lieben Kommentare auf meinem Blog! 🙂
    Mit großem Interesse habe ich Deine Arbeit mit Deinem Verein in Brasilien verfolgt.
    Ich finde das super und toll dass gerade eine Deutsche hier hauptamtlich tätig ist.
    Ich selbst führe einen Verein „Kindern helfen e.V.“ in umgekehrter Richtung, dass bedeutet ich sammle Spenden in Deutschland für Waisenkinder in Brasilien seit 2007.
    Wenn Du Interesse an dem Thema hast, schau bitte mal unter http://www.kindern-helfen.com/ (und auch in Face) auf unsere Arbeit.
    Gern würde ich Dir auch weitere Auskünfte geben, wenn Du etwas wissen möchtest. Vielleicht könnte sich
    auch eine Zusammenarbeit unserer Vereine ergeben, wenn Du möchtest sollten wir mal
    prüfen was möglich ist. 😉

    Liebe Grüße
    Claudia

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    • Hallo Claudia,
      oh nein, da hast Du etwas falsch verstanden. Kinderhorizonte e,V. ist auch ein deutscher Verein (ich lebe ja die meiste Zeit des Jahres auch in Deutschland), wir sammeln Geld in Deutschland und überweisen es nach Belo Horizonte. Wir arbeiten also in die gleiche Richtung und in ähnlicher Weise, wie ich auf Eurer HP gesehen habe. Da gäbe es bestimmt Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit. Wir sollten das im Auge behalten!
      Liebe Grüße, Caipi

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