My Boy Lollipop

Es hätte ein gemütlicher Fernsehabend werden können, mit Scheibenwischer und Genial daneben. Ruhig wurde es auch, zumindest für mich. Ich bin nämlich um halb neun auf der Couch eingeschlafen. Als ich nach fünf Stunden (!) komatösem Tiefschlaf wieder zu mir gekommen bin, tobte gerade der junge Jürgen Markus – das ist der mit den schrecklich falschen Zähnen – über die Mattscheibe und trällerte ein Liedchen, das mir irgendwie bekannt vorkam. Ich befand mich mitten in der ZDF-Kultnacht – Das Beste aus der Hitparade! Ach Du Sch>:XX…!

Ich hatte ausgeschlafen und sah mich plötzlich mit meiner frühesten Jugend konfrontiert. Ich konnte nicht anders, ich musste ein bisschen zusehen und habe mich köstlich amüsiert.

Das Farbfernsehen war ja schon erfunden und die Bekleidung der Interpreten war eine Herausforderung für die Augen. Giftgrüne und knallblaue Anzüge, Ireen Sheer (Goodbye Mama) im roten Folklore-Fähnchen sieht aus wie eine Tonne. Allerliebst auch die Puffärmelchen!
Das Publikum klatscht artig, Mutti adrett onduliert, das Handtäschchen auf den züchtig zusammen gepetzten Knien platziert. Der junge Dieter Thomas Heck macht launige Ansagen. Heino besingt den Karneval in Rio, Mädchen bringen dürre Blumensträußchen – vermutlich aus dem heimischen Garten.
Nun erschallt „Noch niiie war so bleich ein Morgenrot, noch niiie war die Sonne für mich so tot“. An das Lied kann ich mich erinnern, an die Interpretin nicht: Daisy Door.
Danach kommt Peter Orloff im weißen Ganzkörperkondom. 8| Er erinnert mich irgendwie an die pralle Weißwurscht, die ich zum Frühstück hatte. Die Kamera schwenkt auf die Datumsanzeige und ich erfahre, dass es Samstag, der 10. Juni ist. Das Jahr kann ich mir aussuchen.
Dann kommt der Shooting Star der Woche: Christian Anders, „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“. Den Typ hab’ ich vor ein paar Jahren mal in irgendeiner Talkshow gesehen. Der ist inzwischen völlig durchgeknallt; dünne lange Haare im Nacken zusammengebunden, dazu ein weißes Wallegewand und Jesuslatschen. Seine Freundin ist so jung, dass vermutlich der Staatsanwalt noch die Hand drauf hat.

Kaum satt sehen kann ich mich an Severines gepunktetem (Schwangerschafts-?) Hängerchen mit Puffärmeln und Clownskragen. Über der Brust trägt sie ein Obst-Bouquet, auf der weißen Hose sind Kirschen aufgestickt. 88| (Ich schwöre: So scheiße hab’ ich damals nicht ausgesehen, obwohl ich kaum eine Modesünde ausgelassen habe!) Olala l’Amour trällert sie und versucht, auf üppigen Plateausohlen die Balance zu halten.

Tony Marshall fängt für uns den Sonnenschein, im Anzug mit Weste und Rüschenhemd. Das trägt er glaube ich auch heute noch, ein paar Nummern größer halt. Seine Koteletten reichen bis an die Mundwinkel, die gute Laune ist kaum auszuhalten. :))

Dann kommt One Way Wind und wieder ein Star, an den ich mich nicht erinnern kann. War vielleicht gar keiner. Maggie Mae, gerade 14 Jahre alt, gibt My Boy Lollipop zum Besten. Manchmal ist es ja gut, wenn man sich nicht mehr an alles erinnern kann!

Rainer am Mischpult macht seinen Job und kriegt, so erfahre ich, jede Menge Heiratsanträge – warum eigentlich :??:
Es ist 19 Uhr, einunddreißig Minuten und zwölf Sekunden … hier ist das Studio 3 der Berliner Unionfilm … . Gott ja, wir hatten ja nur eine Hand voll Programme damals. Immerhin wurde aber dereinst noch live gesungen im deutschen Fernsehen und das war – wie immer –
eine Sendung des Zettdeeff !

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