Die Polizei, Dein Freund und Helfer

Oder: wieder mal ein Erlebnis der besonderen Art

Zur Vorgeschichte: Ich verwalte das Spendenkonto für unser Hilfsprojekt in Brasilien. Da es sich um mir anvertraute Gelder und nicht um meine eigene Knete handelt, hüte ich dieses Konto wie meinen Augapfel und hab’ die Geldbewegungen genauestens im Blick. Gestern nun fielen mir zwei Plusbuchungen über € 0,05 bzw. € 0,12 sofort ins Auge. Sie kamen über ein Online-Zahlungssystem, waren mit verschiedenen Referenznummern sowie dem Vermerk „… zur Kontoüberprüfung“ versehen.
Nachtigall ick hör’ dir trapsen!
Schon einmal wurde auf ähnliche Art versucht, das Konto zu plündern. Zwei geringe Zahlungen und dann eine saftige Abbuchung, die ich natürlich sofort stornierte und das Konto für Abbuchungen aller Art sperren ließ.

So weit, so gut. Bis dato wurde auch nichts Ähnliches mehr versucht.

Mein Göttergatte setzte sich auf meine Bitte hin gestern sofort mit dem Online-Zahlungsanbieter in Verbindung und erfuhr, dass da ein krimineller Zeitgenosse unsere Kontonummer als Referenzkonto angegeben hatte. Der Anbieter allerdings hatte den Braten inzwischen schon gerochen und unser Konto für weitere Aktionen gesperrt. Erstaunlich genug! Die Dame am anderen Ende der Leitung riet jedoch dringend dazu, die Polizei einzuschalten und Anzeige wegen Betrugs zu erstatten.

Bei meinem eigenen Konto hätte ich diesen Aufwand nicht auf mich genommen, aber wie gesagt, es handelt sich um ein Spendenkonto.
Also hab’ ich heute von allen relevanten Seiten unseres Kontos Kopien gefertigt und bin damit pflichtbewusst zur Polizei marschiert. Ich sag’s vorneweg: ich mache das nie wieder, ich schwöre!!!

Ist Euch schon mal aufgefallen, dass die Polizei im Wesentlichen damit beschäftigt ist, sich selbst zu schützen? – Du kommst zu denen gar nicht rein! 8|
Im Erdgeschoß des Reviers saß ein Beamter hinter dickem Glas und war am telefonieren. Ich wartete eine ganze zeitlang und weil ich mir nicht sicher war, ob dieser Mensch mich überhaupt wahr genommen hatte und auch nicht wusste, ob da vielleicht noch ein zweiter Beamter für das Pförtner-Guckloch zuständig sei, wagte ich ein zaghaftes Drücken des Klingelknopfes.
Au weja, hat dieser Kettenhund mich angebellt! 88|

Was mir einfallen würde, er wäre schließlich am telefonieren und ich solle mich gefälligst gedulden, bis ich an der Reihe sei. Eine Uuunverschämtheit sei das!
In seiner Aufregung vergaß er dann auch noch, den Lautsprecher wieder auszuschalten, so dass ich das restliche (halb private) Telefongeplänkel mit anhören konnte. Danach bellte er mich weiter an. Ich entschuldige mich artig und versuchte ihm meine Beweggründe zu erklären und dass mir ein kurzes Augenzwinkern seinerseits genügt hätte, um zu wissen, dass er sich gleich um mein Anliegen kümmern würde.
Er ließ sich nicht beruhigen. Er habe zwei Telefone und Publikumsverkehr und außerdem 12-Stunden-Schichten. Er könne sich ja nicht zerreißen und wenn da lauter so Leute kämen, wie ich … !
‚Du kleines, aufgeblasenes Arschloch’ dachte ich bei mir, setzte ein zuckersüßes Lächeln auf und erkläre ihm, dass ich auch berufstätig sei.
Kaum war das draußen dachte ich, dass ihm jetzt gleich der Schädel platzt oder er um die Ecke kommt und mich direkt erschießt. Aber nix dergleichen passierte. Stattdessen nannte er mir einen Namen und kommandierte mich unwirsch in den zweiten Stock.
Im ersten Stock ist das Standesamt untergebracht und ich musste mir erstmal einen Weg durch die Trauwilligen und deren Anhang bahnen. Dann stand ich im zweiten Stock vor zwei verschlossenen dicken Türen. Auch hier wieder eine Klingel mit Gegensprechanlage. Daneben eine Gebrauchsanweisung, wie das Ding zu bedienen ist und eine Liste mit Namen und den dazu gehörigen Nummern, die einzutippen seien. Ich befolgte alle Anweisungen und nichts geschah.
Nach einiger Zeit kam eine Frau aus einer der Türen und fragte mich, wo ich denn hinwolle. Ich nannte den Namen und setzte mich – wie mir geheißen – auf das unbequeme Wartebänkchen. Die Dame wollte sich kümmern. Sie lief noch viermal an mir vorbei und erklärte jedes Mal, es käme gleich jemand. Ein Herr in Uniform kam offensichtlich vom Frühstück holen, balancierte Brötchentüte und Joghurtbecher und versuchte gleichzeitig, mit der freien Hand sein Key-Kärtchen in den dafür vorgesehenen Schlitz zu stopfen. Nein, er sei nicht der Herr Sch., erklärte er mir. Er würde ihm aber Bescheid sagen.
„Das wollte Ihre Kollegin auch schon.“
Schulter zucken.
Aus Langeweile begann ich, die Rippen an dem alten Heizkörper zu zählen, die Treppenstufen und die Sprossen des Geländers. Der Hausmeister kam und verfüllte irgendwelche Ritzen mit Silikon. Leute kamen und gingen. Sonst passierte nichts.
Eine geschlagene halbe Stunde saß ich auf dem Arme-Sünder-Bänkchen, bis tatsächlich jemand kam und sich meiner annahm.

Man führte mich in einen Raum, in dem ein sehr junger Mann an einem sehr aufgeräumten Schreibtisch saß. Hefter, Locher, Drucker, Bildschirm und Tastatur auf der einen, Kaffeetasse, eine Flasche Wasser und der aufgeschlagene Sportteil der Tageszeitung auf der anderen Seite. Sonst nichts. Keine Akten, kein Papierkram. Nix, was den Schreibtisch irgendwie nach Arbeit aussehen ließ.

‚Azubi oder Praktikant’, schoss es mir durch den Kopf und damit lag ich sicher nicht falsch, wie sich im laufe der nächsten dreiviertel Stunde herausstellte.
Ich trug dem Jüngling mein Anliegen vor, deutete auf die von mir im Vorfeld bereits markierten Stellen in meinen Kopien und erzählte von dem Rat des Online-Zahlungsanbieters, Anzeige zu erstatten.
Der junge Mann guckte mich entgeistert an und verstand nix.
Also noch mal von vorne, für den Azubi zum mitschreiben.
Er nickte mit dem Kopf.
‚Jetzt hat er es’, dachte ich. Juchhu!
Er tippte was in seinen Computer, blätterte in meinen Zetteln. Runzelte die Stirn, guckte wieder auf den Bildschirm. Dann schnappte er sich meine Zettel und rannte raus. „Bin gleich wieder da!“ :??:
Ich las die aufgeschlagene Seite des Sportteils, studierte die Inhaltsangabe seiner Wasserflasche und zählte die gelben Blätter des Hängeradieschens auf der Fensterbank.
Langeweile.

Der junge Mann kam wieder, den älteren von vorhin im Schlepptau. Kompetenzteam! Der erklärte mir nun, er habe mit dem Betrugsdezernat telefoniert aber der Fall sei so, dass man gar nichts tun könne, da ja kein Schaden entstanden sei.
In dem Moment wollte ich eigentlich aufstehen und gehen, aber ich kann stur sein und so schnell wollte ich mich nicht abwimmeln lassen. Für nix lasse ich mich nicht anbrüllen und sitze mir den Hintern breit.
„Ist das denn kein Betrug, wenn jemand vorgibt, der Inhaber eines Kontos zu sein, das ihm nicht gehört? Dass kein Schaden entstanden ist, ist schließlich meiner Weitsicht zu verdanken.“ (Boah, ist die lästig!)
Der Alte hat wohl gerafft, dass ich mich nicht so leicht verscheuchen lasse und dem Jungen aufgetragen, eine „Meldung“ zu verfassen, die dann gespeichert und im Wiederholungsfall herangezogen würde. Komplett für’n Ar…!

Der Azubi rollte die Augen und verlangte erstmal meinen Ausweis. Da könnte ja sonst jeder kommen und behaupten …!
Meinen Perso müsste er jetzt auswendig aufsagen können, so intensiv, wie er ihn studiert hat.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Bursche ein paar Zeilen in den Computer getippt hatte und seine zwei weiteren Nachfragen bestätigten mir, dass er immer noch nicht kapiert hatte, um was es eigentlich geht. Ich hab’s dann auch aufgegeben. Er hat mir nicht vorgelesen, was er geschrieben hat und ich musste auch nichts unterschreiben. Ist sowieso nur fürs runde Ablagekörbchen.

Zum Abschied meinte er noch, ich hätte ja noch was gut gemacht bei der ganzen Sache. Schließlich seien das ja Gutschriften auf dem Konto.
Ey Mann, Schnäppchenfinder, wie? |-|
Ich konnte es mir nicht verkneifen: Ich sagte ihm, dass ich jetzt 75 Minuten in seiner Behörde zubringe, mein Mann und ich gestern schon geraume Zeit mit Telefonaten befasst waren und das alles für einen Guthabensbetrag von 17 Cent; ich hielte das für einen Scheiß-Stundenlohn.
So, da kann er sich jetzt ein Ei drauf pellen! Vielleicht rechnet er ja auch noch. :))

In meinem nächsten Leben werde ich jedenfalls Bulle, soviel steht mal fest!