Schöne Bescherung

Heilig Abend wird unser Wohnzimmer seit etlichen Jahren zur Bühne für das Weihnachtsspektakel. Unsere in der Nähe lebende Familie ist überschaubar und der Aufwand gering: Am Vortag den Heringssalat zusammen werfen, Baum in die Bude und Deko drauf, Platz schaffen für die zahlreichen Geschenke unnötigen Plunder wegräumen und am 24sten wird nur noch der Tisch gedeckt, Getränke kalt gestellt und Brot gekauft. Das läuft inzwischen alles ziemlich easy und routiniert.

Das war allerdings nicht immer so. Ich erinnere mich an eine Bescherung, die ziemlich chaotisch war. Ist allerdings schon viele Jahre her. Damals haben unsere alten und älteren Familienmitglieder noch gelebt und die Kinder waren noch klein. Die Interessen gingen zwangsläufig ziemlich auseinander. Die Alten wollten besinnliche Weihnachten und die Kids waren vor Aufregung völlig durchgeknallt. Wir als „Mittelalter“ standen irgendwo dazwischen und versuchten, alles in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken. 😐

Gleich zu Beginn der Veranstaltung stieß eines der Kinder gegen eine große Schale mit Walnüssen, die heftig scheppernd zu Boden fiel und ihren Inhalt lustig ins Wohnzimmer ergoss. (Ich hätte nie gedacht, dass Nüsse so prima durch die Gegend kullern können; beim Frühjahrsputz habe ich die letzten Exemplare hinter der Couch aufgelesen.) Jedenfalls zog sich der Knabe bei dieser Aktion schon mal den Zorn seiner Mutter zu und die Alten griffen sich bei diesem Angriff auf ihr Gehör erschrocken ans Herz. Wer noch einigermaßen beweglich war, kroch über den Boden und klaubte das Zeug wieder auf. Die Stimmung hatte ihr erstes Hoch.

Die Bescherung selbst – im Wesentlichen für die Kinder interessant – glich damals noch einer Materialschlacht was dazu führte, dass unser Wohnzimmer in Null Komma Nix in einen Saustall verwandelt war. Überall lag zerfetztes Geschenkpapier, achtlos abgerissene Schleifen mit und ohne Geschenkanhänger, Spielzeug in allen Größen, gewünschte und unerwünschte Gaben. Der Clou war ein riesiger Bollerwagen für die Kids. Der Kleine saß drin und wurde vom Großen hin und her geschoben … immer in Richtung Terrassentür … die mit der großen Glasscheibe! 8| Das war so der Moment, wo meine Nerven etwas blank lagen. Der absolute Höhepunkt sollte aber erst noch kommen:

Meine Schwägerin hatte für meine Mutter ein Blumengesteck mitgebracht und packte das auf dem Esstisch aus dem Papier. Auf diesem Tisch stand auch der Adventskranz mit brennenden Kerzen, darunter lag eine bügelfreie Nylontischdecke. Just in diesem Moment kam irgendjemand auf die Idee, doch mal ein bisschen frische Luft ins Wohnzimmer zu lassen und öffnete mal eben die Terrassentür. Der Erfolg: Durchzug. Das Blumenpapier flatterte über die Kerze und brannte sofort lichterloh, die umherfliegenden glimmenden Papierfetzen setzen ratzfatz das Tischtuch in Brand. Halleluja, welch eine Bescherung! 88|

Beherztes Eingreifen des Mittelalters hat das Schlimmste verhindert (die Alten haben es erst mal gar nicht mitgekriegt). Die Feuerwehr musste jedenfalls nicht anrücken. Die Tischdecke flog in die Mülltonne, mit dem Staubsauger haben wir die schwarzen Rußfetzen von der Zimmerdecke, den Stühlen, dem Teppich, dem Schrank und dem Fußboden entfernt. Schon wieder ein Geräusch, das mit Weihnachten nix zu tun hat; jetzt guckten auch die Alten erstaunt, was wir da treiben. :))
Kerze aus, Blumen überreicht, neue Tischdecke drauf, Abend essen.
Nach dem Essen noch ein Verdauungsschnäpschen und schon gingen alle wieder zur Tagesordnung über.
Ich war ein klein wenig geschafft und mein Bruder auch. Er, der eigentlich nie Alkohol trinkt, saß als letzter am Esstisch und winkte mich zu sich: „Aber bring‘ die Pulle mit!“. Während alle anderen in Gespräche vertieft oder mit Spielen beschäftigt waren, saßen wir zwei am Tisch und gaben uns gemütlich die Kante. Nach mir die Sintflut! ;D

Am nächsten Tag habe ich jedenfalls erst mal ein paar Aspirin eingeworfen, bevor ich mich an die Beseitigung der restlichen Flurschäden gemacht habe.
Dieses Weihnachtsfest wird mir in ewiger Erinnerung bleiben und manchmal denke ich ein bisschen wehmütig daran. Die Alten leben nicht mehr und die Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Die Weihnachtsaufregung hat sich gelegt und es ist erheblich ruhiger geworden.
Die Zeiten ändern sich.

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