Gequirlter Blödsinn

„Die wird heute nicht mehr wach“, sagte meine Ex-Beinahe-Schwägerin und griff nach dem prall gefüllten Müllsack neben der Frisierkommode, der für die Altkleidersammlung bestimmt war. In der Tür stand unsere vierjährige Großnichte mit einer Rückentrage, in der ihr gerade geborenes Brüderchen lag, und dozierte über frühkindliche Bindung zu größeren Geschwistern. Der Kleine befreite sich derweil unbemerkt aus der Trage und spazierte gut gelaunt ins Wohnzimmer. Sein kleiner Körper verschwand unter einem Blatt des großen Gummibaumes in der Ecke. Von wegen frühkindliche Bindung! Er würde der großen Schwester schon zeigen, wo der Hammer hängt.

Ich öffnete die Augen ein bisschen und linste zum Wecker. Schei…, schon elf Uhr! So ein Mist – der Tag ist gelaufen! 8|

Neben mir stiegen Qualmwölkchen auf. Ich drehte den Kopf ein wenig und sah in das grinsende Gesicht eines ehemaligen Spielers unseres Fußballvereins. Warum verdammt noch mal lag der Typ im Bett neben mir, rauchend? Er war verletzt, konnte nur auf Krücken gehen und hatte sich wohl ein Plätzchen zum Ausruhen gesucht. Ich konnte ihn noch nie so richtig leiden, warum also ausgerechnet er? Und warum lag ich eigentlich im alten Schlafzimmer meiner Eltern? Sehr kurios das Ganze!
Der Spieler schnippte die Kippe lässig in Richtung Bügelmaschine und schwang sich – offensichtlich blitzgenesen – aus dem Bett. Er schwankte ein wenig und mir fiel auf, dass eigentlich alles ein bisschen schwankte. Ach richtig, wir waren ja auf einem Schiff! Gestern Abend gab es das große Treffen mit ehemaligen Kollegen meines Mannes und das fand auf einem Schiff statt. Ich erinnere mich, dass es an Deck saumäßig kalt war und ich mir eine wärmende Decke holen wollte. Der Anblick der Ehebetten meiner Eltern hatte mich wohl spontan müde werden lassen. Jetzt aber nix wie raus aus den Federn!

Ich sprang meinerseits aus dem Bett und torkelte nach draußen. Der Flur kam mir irgendwie bekannt vor und die Treppe auch. Im Wohnzimmer kam mir mein Mann entgegen und fragte, warum ich denn nicht noch liegen geblieben sei. Ich murmelte was von schlechtem Traum und guckte vorsichtig auf die Uhr: kurz nach acht. Gott sei Dank, der Tag ist noch nicht restlos verloren.

Eine Tasse Kaffee katapultierte mich wieder ins Diesseits. Ich war um halb fünf aufgestanden, hatte meinen ersten Kaffee, die Zeitung und das Kreuzworträtsel bereits hinter mir und mich um kurz vor sieben noch einmal hingelegt, um wieder ein bisschen warm zu werden. Ich muss sofort eingeschlafen und auf eine abenteuerliche Reise gegangen sein. Im Traum verquirlt sich Erlebtes, Gehörtes und Befürchtetes zu einem unglaublichen Blödsinn, der mich erfahrungsgemäß den Rest des Tages beschäftigt.

So, und jetzt muss ich die verpennte Zeit wieder reinholen!

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