Sie weiß, dass der Schnee lautlos auf die Erde fällt

Kurz nach sechs Uhr morgens, es ist mucksmäuschen still. Das fahle Licht der Straßenlaterne lässt die Umrisse im Schlafzimmer gerade so erahnen, im Nachbarbett hebt und senkt sich die Decke unter gleichmäßigen Atemzügen. Ich höre das leise Surren eines Motors, das sich ganz kurz verstärkt, als das Auto an unserem Fenster vorbeifährt um dann wieder leiser zu werden und ganz zu verschwinden. Es schneit. So still ist es nur, wenn es schneit und die Schneedecke auf der Straße jedes Geräusch verschluckt.

Ich greife nach der Brille und schäle mich aus dem Bett. Natürlich will ich wissen, wie dicht das Schneetreiben und wie dick der weiße Belag auf der Straße inzwischen ist.

Bumm, krach, krrrr, schäpper, schab, kratz!
Der Schneeschieber haut die Schaufel auf die Straße und schiebt die fast jungfräuliche Pracht vor sich her. Aus ist es mit der Stille!
Kaum ist der durch, brummt die Pistenwalze an unserem Fenster vorbei und präpariert das untere Stück Piste. Hin und her, rauf und runter, kreuz und quer. Normalerweise sind die Männer auf den monströsen Geräten um diese Zeit längst mit ihrer Arbeit fertig. Bei Schneefall dauert die Schicht halt, bis der Lift die ersten Schifahrer am Gipfel ausspuckt. Dann ist Feierabend; es ist zu gefährlich, zwischen den Hobbysportlern mit der Walze rumzurödeln.

Auf der Straße nähert sich ein Lkw mit lautem Gebrumm, die Ketten der Räder kratzen auf dem Asphalt. Das einzige Lebensmittelgeschäft im Ort bekommt frische Ware. Spätestens um acht tauchen die ersten Privatautos mit Tagestouristen auf, parken auf dem kleinen Platz in der Ortsmitte, schlagen Türen, werfen geräuschvoll Schier auf die Straße, schließen die Schnallen an ihren Stiefeln. Ratsch, ratsch, ratsch. Die schweren Schuhe klacken bei jedem steifen Schritt, als die Meute sich lachend in Richtung Liftstation bewegt.

Nein, es ist nicht lautlos, wenn der Schnee auf die Erde fällt. Ganz und gar nicht!

Der Stille lauschen

„Welchen Radiosender hören Sie denn?“, wurde ich kürzlich gefragt.
„Äh, ich? – Gar keinen!“
Augen groß wie Kaffeetassen guckten mich ungläubig an. 8|
„Das gibt’s doch gar nicht. Jeder hört doch Radio.“

Bin ich jeder? Nein! Ich gönne meinen Ohren Ruhe. Stille macht mich nicht nervös und wenn man mal auf Dauerberieselung aus irgendwelchen Lautsprechern verzichtet, hört man die vermeintliche Stille. Das ganz leise Surren der Nähmaschine aus dem Nachbarhaus, das Zuklappen eines Fensters, das Summen der Bienen und gerade im Moment auch den Rasenmäher des Garten-Akkurateurs, dessen Geräusch den des Lüfters in meinem Computer überlagert.
Wo ist die Stille, die so viele Menschen nicht ertragen können?