Ich war im Paradies

Ein Flugzeug spuckte uns am Mittwochabend am Frankfurter Flughafen aus und ehe wir es uns versahen, befanden wir uns wieder in unserem eigentlichen Leben, also dem mit beruflichen Verpflichtungen, Familie, alten Freunden und dem Zuhause, das in unseren Pässen eingetragen ist. Ein komisches Gefühl. Immerhin begrüßte uns die alte Heimat diesmal nur mit normalem Feierabendverkehr und nicht obendrein noch mit einem Schneesturm.

Ich bin wieder hier, in meinem Revier!
Die Heizung tat, wie ihr befohlen und auch das Wasserbett hatte die bestellte Temperatur erreicht. Es war also einigermaßen heimelig. Ein Gebirge aus Post, Katalogen und Zeitungen erwartete uns auf dem Esstisch. Dazu kamen nun nach und nach die Dinge, die aus den Koffern stammten und denen nicht unmittelbar eine neue Heimstatt zugewiesen werden konnte. Vor der Tür zum Keller wuchs ein Wäscheberg, die Treppe war belagert von diversen Mitbringseln und auf der Küchenanrichte stapelten sich die Geschenke für Nachbarn und Freunde, die sich während unserer Abwesenheit um Haus und Hof gekümmert hatten und die nun bald verteilt werden sollten.
Ruckzuck hatten wir das schönste Chaos zu Hause. Irgendwo dazwischen fand sich auch noch ein Plätzchen für zwei Pizzaschachteln, geliefert vom Italiener unseres Vertrauens.

Das Chaos dauert noch an, zumindest in Teilen. Dazwischen befindet sich aber nun auch noch ein bisschen Weihnachtsdeko … wir müssen uns ja sputen; wenn Heiligabend die Familie anrückt, soll es so aussehen wie immer. Übrigens habe ich festgestellt, dass es nach dem zweiten Advent die weihnachtlichen Gestecke zum halben Preis gibt und das ist doch auch mal fein. Ok, die Tannennadeln rollen sich schon ein bisschen, aber das täten sie auch, wenn sie schon zwei Wochen vorher bei mir im Wohnzimmer gewesen wären.

Am Donnerstag bin ich als aller erstes zum Supermarkt – ungefrühstückt! – und was soll ich Euch sagen: es war die Wursttheke, die mir leuchtende Augen beschert hat! Zwei Rentner waren noch vor mir an der Reihe (seit wann gehen die eigentlich morgens einkaufen?) und ich hatte genügend Zeit, das Angebot auf mich wirken zu lassen.
Leberwurst! Muss ich haben!
Schwarzwälder Schinken auch.
Ebenso saftig gegarten Schweinebraten und natürlich Fleischsalat. Hmmm.
Ach, und von den Mettbrötchen will ich auch noch eins, natürlich mit Zwiebeln drauf!
Ich kam mir vor, wie im Paradies. Eine Auswahl, die mich fast erschlagen hat, beschied mir Gelüste, die ich monatelang nicht hatte. Ich habe eingekauft, als hätte ich eine Großfamilie zu versorgen!

Wir haben in Brasilien wirklich nichts vermisst. Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass es außer Mortadella, Pseudo-Salami und nach nichts schmeckendem gekochten Schinken noch eine weitere Option gegeben hätte, aber das war immer nur kurz. Meistens haben wir sowieso Käse gegessen und da ist die Auswahl wirklich groß. Von Camembert, Gorgonzola und solchen Dingen mal abgesehen. Diese Köstlichkeiten wanderten jetzt natürlich auch noch in meinen Einkaufswagen und lagen neben dem Sortiment dunklem Brot, mit und ohne Körner.
Dazu kamen dann noch die Basics, Kartoffeln, Zwiebeln, Eier, Obst, Milchprodukte. Ratz fatz war der Einkaufswagen voll und ich stellte mich an der Kasse an.

Mann sind die hier schnell! Bevor ich raffte, dass ich schon an der Reihe war, hatte die Kassiererin all meine Einkäufe über den (funktionierenden!) Scanner gezogen und in die Ablage geschoben. Blöd halt, dass hier keiner war, der meine Einkäufe in Tüten verpackte. Da muss ich mich von jetzt an wieder selbst drum kümmern. Ich kramte in den ungewohnten Geldscheinen und stopfte mit der anderen Hand meine frisch erworbenen Schätze zurück in den Einkaufswagen. Irgendwie fühlte ich mich plötzlich überfordert. Hier ging alles so schnell und alle waren irgendwie hektisch. Ich war das alles nicht mehr gewohnt.

Inzwischen bin ich – leider – schon wieder auf der richtigen Betriebstemperatur. Vorbei ist das gemütliche Leben, wo jeder Zeit für ein kleines Schwätzchen hat und man einfach langsamer geht, weil alle langsam gehen. Man passt sich halt an und die nächsten neun Monate werde ich mich wieder etwas schneller drehen.

Euch allen einen geruhsamen dritten Advent!

PS: Das Mettbrötchen hat übrigens die Heimfahrt nicht überlebt!

Werbeanzeigen